1 Zitat und 6 Gedichte von Gustav Schwab.

Das Gewitter

Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
In dumpfer Stube beisammen sind;
Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt,
Großmutter spinnet, Urahne gebückt
Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl. –
Wie wehen die Lüfte so schwül!

Das Kind spricht: »Morgen ist Feiertag,
Wie will ich spielen im grünen Hag,
Wie will ich springen durch Tal und Höhn,
Wie will ich pflücken viel Blumen schön;
Dem Anger, dem bin ich hold!« –
Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

Die Mutter spricht: »Morgen ist’s Feiertag,
Da halten wir alle fröhlich Gelag,
Ich selber, ich rüste mein Feierkleid;
Das Leben, es hat auch Lust nach Leid;
Dann scheint die Sonne wie Gold!« –
Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

Großmutter spricht: »Morgen ist’s Feiertag,
Großmutter hat keinen Feiertag,
Sie kochet das Mal, sie spinnet das Kleid,
Das Leben ist Sorg und viel Arbeit;
Wohl dem, der tat, was er soll!« –
Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

Urahne spricht: »Morgen ist’s Feiertag,
Am liebsten morgen ich sterben mag;
Ich kann nicht singen und scherzen mehr,
Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer;
Was tu ich noch auf der Welt?« –
Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?

Sie hören’s nicht, sie sehen’s nicht,
Es flammet die Stube wie lauter Licht:
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
Vom Strahl miteinander getroffen sind;
Vier Leben endet ein Schlag, –
Und morgen ist’s Feiertag.

Gustav Schwab (1792 - 1850), deutscher Philosoph und Theologe

Wo nur das Wissen haust, ist Totenstille,
Laut und lebendig macht die Welt der Wille.

Gustav Schwab (1792 - 1850), deutscher Philosoph und Theologe

Quelle: Klüpfel, Gustav Schwab. Sein Leben und Wirken, 1858

Laß dich nicht den Frühling täuschen,
Herz, der dich mit Lust umringt,
Wo mit wonnigen Geräuschen
Wald und Flur vom Leben klingt!
Wo sich auf den Ästen wiegen
Kehlen voll von süßem Klang,
Wo, als gäb' es kein Versiegen,
Flüsse brausen ihren Gang.

Von den Bäumen, aus den Bächen,
Aus dem hellen Morgenrot
Scheint ein tröstlich Wort zu sprechen –
Lauschest du, so ist's der Tod.
Diese Welt – sie muß vergehen;
Schneller noch der Lüfte Raub,
Wirst als Asche du verwehen,
Herz, wie flücht'ger Blumenstaub.

Willst du bis zum Wesen dringen:
Wende vom Erschaffnen dich!
Willst du dich ins Leben schwingen –
Einer zeigt als Führer sich;
Der an solchem Frühlingsmorgen
Hinter sich ließ die Natur,
Und, dem ird'schen Blick verborgen,
In der Himmel Himmel fuhr!

Was die Jünger dort empfanden,
Als ihr Auge flog empor,
Fühl es Herz, und aus den Banden
Flüchte durch das Glaubens Tor!
Mit den Ewigkeitsgedanken
Bist du doch von Erde nur,
Führt er dich aus den Schranken
Über alle Kreatur.

Was auf Erden Ihn umgeben,
Ward Ihm Bild und Ahnung bloß,
Und er atmete sein Leben
Stets nur in des Vaters Schoß.
Sieh auch du im Glanz der Erde
Nur vom Himmel einen Traum!
Gleichnis dir des Höchsten werde
Haus und Herde, Blum und Baum!

Wenn auf's Leben du verzichtest,
dann beginnt dein Lebenslauf;
Wenn du dich als Staub vernichtet,
Stehst du erst als Wesen auf!
Deines innern Lebens Schwingen
Wachsen aus dem Erdentod;
Eh' er konnt' ins Leben dringen,
Hat auch Ihm das Grab gedroht.

Blick hinauf zum Himmelsbogen,
Siehest du den Widerschein
Von der Bahn, die er geflogen?
Läßt dich nicht ein Schimmer ein?
Will das Himmelslicht ermatten?
Ringen Zweifel um den Sieg?
Es ist nur der Wolke Schatten,
Hinter der er aufwärts stieg.

Gustav Schwab (1792 - 1850), deutscher Philosoph und Theologe