14163 Gedichte.

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Er hängt an keinem Galgen,
Er hängt an keinem Strick,
Er hängt am festen Glauben
Der freien Republik.

Joachim Ringelnatz (1883 - 1934), eigentlich Hans Bötticher, deutscher Lyriker, Erzähler und Maler

Quelle: Ringelnatz, Mein Leben bis zum Kriege, 1931. 9. Kapitel: Schwere Tage

Das war das schöne Fräulein Liebetraut,
Das an den Folgen einer Traube litt.
Da wurden ihr im Magen Triebe laut,
Worauf sie schnell in eine Laube tritt.

Joachim Ringelnatz (1883 - 1934), eigentlich Hans Bötticher, deutscher Lyriker, Erzähler und Maler

Quelle: Ringelnatz, Mein Leben bis zum Kriege, 1931. München vor dem Kriege

"Hugo", sprach ich. Hugo nieste.
"Hugo", sprach ich. Hugo spießte
Eine Filzlaus mit dem Pfeil.
"Hugo", sprach ich, "Weidmannsheil!"

Joachim Ringelnatz (1883 - 1934), eigentlich Hans Bötticher, deutscher Lyriker, Erzähler und Maler

Quelle: Ringelnatz, Mein Leben bis zum Kriege, 1931. München vor dem Kriege

In deine Augen

Blau wird es in deinen Augen –
Aber warum zittert all mein Herz
Vor deinen Himmeln.

Nebel liegt auf meiner Wange
Und mein Herz beugt sich zum Untergange.

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945), deutsch-jüdische Dichterin, Vertreterin der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus in der Literatur. Kleist-Preis 1932

Quelle: Lasker, Gesammelte Gedichte, Verlag der Weißen Bücher, Leipzig 1917

Weißt du noch?

Wie wir uns fanden zum erstenmal
Unterm Fliederbusch, bei der Mühle im Tal,
Wo die Quelle rann am verborgenen Platz,
Hans, du mein Lieb, Hans, du mein Schatz,
Weißt du noch?
Weißt du es noch?

"Hing nicht der Flieder über uns her,
Eine schattige Laube, duftend und schwer?
Sang nicht die Nachtigall süßen Laut?
Clärchen, mein Lieb, Clärchen, mein Traut –
Freilich doch
Weiß ich es noch."

Wie wir das saßen auf einsamer Bank,
Bis dir mein Haupt an die Wange sank,
Wie es da ruhen und rasten blieb –
Hans, du mein Schatz, Hans, du mein Lieb –
Weißt du noch?
Weißt du es noch?

"Als wir uns setzten, stand hoch ja der Tag,
Als wir aufstanden, der Mondschein lag
Über den Wiesen, duftig betaut;
Clärchen, mein Lieb, Clärchenh, mein Traut,
Freilich doch
Weiß ich es noch."

Wie wir dann gingen durch Wiesen und Land,
Arme in Armen und Hand in Hand,
Was du mir sagtest und flüstertest dort,
Hans, du mein Schatz, das glückselige Wort,
Weißt du noch?
Weißt du es noch?

"Sah ich nicht glühen dein süßes Gesicht,
Als ich dir sagte ganz leise, ganz dicht:
Bist mir mein alles, mein Herz, meine Braut –
Clärchen, mein Lieb, Clärchen, mein Traut,
Freilich doch
Weiß ich es noch."

Nicht mehr zusammen durch Wiesen und Land
Gehen wir beide nun Hand in Hand –
Sag mir, wie lang ist das all nun vorbei,
Siehst mich heut an, ob ich's selber noch sei,
Fragst wo das Antlitz, das lachende, blieb –
Hans, du mein Alter, Hans, du mein Lieb,
Sprächest mir heut
Nicht wie vor Zeit.

"Rücke mir näher dein liebes Gesicht,
Will dir was sagen, ganz leise, ganz dicht:
Clärchen, mein Altchen, Clärchen, mein Traut,
Warst mir mein alles, mein Herz, meine Braut,
Warst es vor Zeit,
Bist es noch heut,
Sollst es mir bleiben in Ewigkeit."

Ernst von Wildenbruch (1845 - 1909), deutscher vaterländischer Dramatiker, Erzähler und Novellist, Enkel Louis Ferdinands von Preußen

Quelle: Wildenbruch, v., Gesammelte Werke. Herausgegeben von Berthold Litzmann,
G. Grotesche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1924. Band 15 (Gedichte und kleine Prosa)