14332 Gedichte.

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Der Spießbürger um uns ist unsere Schicksalsmacht,
Er flüstert nur, durch alles, was er kreischt und lacht,
Die Wirklichkeit von unsrem Erdgeschick ins Ohr!
Wir ahnen es, und deshalb graut uns so davor!

Theodor Däubler (1876 - 1934), deutscher Schriftsteller, Wegbereiter des Expressionismus

Quelle: Däubler, Gedichte. Das Nordlicht, entst. 1904-1906 und 1898-1910, ersch. u.a. als "Genfer Fassung" im Insel-Verlag, Leipzig 1921

Maien-Fest

Wieder taucht ein Maientag
aus des Winters Tiefen,
lockt ein heller Amselschlag
alle, die noch schliefen.
Wieder steht das goldene Licht
hoch im Heiligtume –
aus der Dornenhecke bricht
eine Rosenblume.

Maientag und Maienfest!
Unsre Klagen schweigen.
Unsre stolze Sehnsucht lässt
ihre Banner steigen;
ihre Tauben fliegen aus,
ihre Knospen springen –
Kirschen blühn um jedes Haus,
und die Glocken klingen.

Nicht im morschen Kirchenturm, –
tief in Volkes Herzen
wogt ein ganzer Glockensturm,
läutet Lust und Schmerzen.
Nicht vergangne große Zeit
kündet unsre Feier,
von der Zukunft Herrlichkeit
heben wir den Schleier.

Unsre Ernten schauen wir,
reife goldne Felder,
stolzer Stämme Früchtezier,
schattenkühle Wälder.
Hunde nicht, die duckend sich,
scheu am Boden schleichen:
Menschen, welche brüderlich
sich die Hände reichen.

Von den Höhen ringsherum
will ein Echo klingen;
tönend wird, was rau und stumm,
Lahmen wachsen Schwingen.
Blinde Augen werden wach,
schaun in blaue Weiten,
sehn den großen Frühlingstag
durch die Lande schreiten.

Maienfest und Maienlust! –
Axt und Hammer ruhen –
und der Alltag, schwarz berußt,
geht in seidnen Schuhen.
In den letzten Sklavenkrieg,
in der Tiefe Qualen,
wirft der Zukunft Sonnensieg
seine ersten Strahlen.

Clara Müller-Jahnke (1860 - 1905), deutsche Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin

Quelle: Müller-Jahnke, Gedichte, Gesamtausgabe, hg. v. Oskar Jahnke, Buchhandlung Vorwärts, Berlin 1910

Mein Nachbar

An jedem Abend, wenn die späte Stunde
Die müden Glieder in den Schlummer lockt,
Und ich im Vorgefühl der süßen Ruhe
Das Buch gesättigt aus den Händen lege,
Fängt über mir ein störendes Concert an.
Es gleiten Finger über das Piano
Und sonder Zweifel ungeschickte Finger.
Bald hör ich eine Scala, wie ein Schüler
Beim Unterrichte sie nicht schlechter spielt,
Bald eine Melodie aus irgend einer
Uralten Oper oder Operette –
Das alles unterbrochen oft durch Pausen,
Die nicht im Notenblatte stehen mögen,
Durch falsche Griffe, die in wilder Hast
Sofort noch einmal falsch gegriffen werden:
Kurz, ich bin selbst nicht sonderlich empfindlich
In Rücksicht auf das Musikalische,
Doch denkt die Zeit, die Ruhebedürftigkeit
Und nehm't dazu den seltsamen Genuß,
Und dann vergebt mir nicht, wenn ich am Ende
Voll Aerger nach dem Concertirer forsche,
Die unbequemen Klänge abzuthun.

Und was vernahm ich? Ein bejahrter Mann,
Ein dürftiger, ist mein Pianospieler,
Den ganzen Tag geht er dem Handwerk nach,
Und Abends, wenn die Kinder eingeschlafen,
Für die er all' die schweren Sorgen trägt,
Uebt er Piano.
Lacht mich aus darum.
Mir traten ein paar Thränen in die Augen;
Mitfühlend las ich in des Mannes Herz.
Er kann nicht spielen und er wird's nicht können,
Zu steif ist seine Hand, sein Ohr zu stumpf,
Ihr kennt das Sprüchlein wohl von Haus und Häuschen,
Und dennoch läßt er's nicht. Ihm ist dies Spiel
Die einzige Sprosse, die aus Noth und Kummer
Des öden Lebens ihn nach oben leitet,
Die einzige. Und die barmherzige Kunst,
Sie aller Segenspender edelste,
Stößt ihn auch ohne Trost nicht aus dem Tempel,
Der gläubig drin der Seele Heilung sucht.
Aus falschen Griffen, aus verfehlten Takten
Gießt sie dem Lechzenden Befriedigung
In die geängstigte, gequälte Brust ...

Spiel immer zu, du armer, alter Mann!
Du störst nicht, nein. Melodisch klingt um mich
Die edle Weihe eines Menschenherzens.

Friedrich Adler (1857 - 1938), Dr. jur., deutscher Rechtsanwalt, später Journalist, Lyriker, Dramatiker und Übersetzer

Quelle: Arent (Hg.), Moderne Dichter-Charaktere, 1885

Recept

Nicht wahr, du bist ein grosses Thier?
So sprich, was ist zum Dichten nütze?
Eine Perryfeder, ein Bogen Papier,
Ein Tintfass – und ein Schädel voll Grütze!

Arno Holz (1863 - 1929), Arno Hermann Oscar Alfred Holz, Pseudonyme: Bjarne P. Holmsen und Hans Volkmar, deutscher Dichter und Dramatiker, Pionier des deutschen Naturalismus

Quelle: Holz, Gedichte. Buch der Zeit. Berliner Schnitzel, 1886. Originaltext