14457 Gedichte.

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Herr der Müden,
Herr der Schwachen,
Nach dem Wachen
Schenke uns des Schlafes Frieden;
Daß wir ruhen von Beschwerde,
Daß kein Feind uns mag beschleichen.
Decke uns mit Palmenzweigen,
Decke uns mit kühler Erde.

Achim von Arnim (1781 - 1831), eigentlich Carl Joachim Friedrich Ludwig von Arnim, deutscher Dichter der Romantik

Quelle: Arnim, Achim v., Die Kronenwächter, Roman in zwei Bänden. Der erste Band erschien 1817, der zweite Band fragmentarisch und posthum 1854

Was man in jungen Jahren treibt,
Im Alter selten außen bleibt.

Johann Beer (1655 - 1700), Schriftsteller und Komponist

Quelle: Beer, Teutsche Winter-Nächte, Erstdruck 1682 unter dem Pseudonym Zendorius a Zendoriis. 4. Capitul: Jost kommt zu einer Alten von Adel. Wie es ihm mit ihrer Tochter gegangen

Mondmüde

Der Mond, die große grelle Diebslaterne,
Der silberne Totenschädel der Nacht: Der Mond,
Ein abgewetzter Knopf am schwarzen Schlafrock
Des lieben Gottes, dessen Kredit so sank,
Dass er sich keinen neuen leisten kann:
Der Mond, das lächerlichste aller Requisiten
Im lyrischen Kasperletheater, scheint
So niederträchtig hell heut, naseweis,
Aufdringlich und fürwitzig, dass ich ihm
Noch einen Schelmennamen geben muss:
Ohrfeigengesicht des Himmels. –
Dies getan,
Schließ ich die Läden meines Fensters fest,
So fest zu, dass auch nicht der kleinste Spritzer
Von seinem Katzensilber mich erreicht.
Und samtenes Schwarz, die heilige Unfarbe
Der tiefsten Ruhe, senkt sich über mich
Gleich mohnduftdumpfem Staub von Schmetterlingen
Der ewigen Nirwana. – Welt, schlaf wohl!
Bald schnarch ich wie ein alter Dudelsack
Und träum von meinen Feinden, wie sie schwitzend
Am Backherd stehn und Gallpasteten machen:
Fünf Zehntel Neid, drei Zehntel Unverstand,
Zwei Zehntel Bosheit – aber alles hübsch
Mit Cochenille rot gefärbt: Charmant!
– Mischt, färbt, backt, schwitzt nur, Liebliche – ich schenk euch
Zum Lohn den Mond. Und ich bestimme: tragt
Am Hals mir ihn gleich einer Hundemarke!

Otto Julius Bierbaum (1865 - 1910), auch Martin Möbius, deutscher Lyriker, Romanautor und Herausgeber der Zeitschrift »Pen«

Quelle: Bierbaum, O. J., Gedichte. Gesammelte Werke in zehn Bänden, hg. von Michael Georg Conrad und Hans Brandenburg, München (Georg Müller) 1921 (posthum)

Über ein Porträt Gottes

Heut sah ich le bon Dieu. Es war ein alter Mann,
Man sah ihm ungefähr siebenzig Jahre an.
Trug einen langen Bart und langes Ringelhaar,
Mir schiens, dass er von Zeus ein Ururenkel war.
Der Maler hatte nicht mit seiner Kunst gespart.
Es war das Kolorit sehr klar, sehr fein, sehr zart,
Die Wangen rosig, voll und kirschenrot der Mund,
Lebhaft das blaue Aug, dem gut die Braue stund:
Schön bogenhoch gewölbt und, sonderbar, nicht weiß,
Als thronte Jugend dort. Jedoch: es war ein Greis.
Und dies gefiel mir nicht. Ich dacht an Jupitern
In Rom, der hatte nichts von einem alten Herrn.
Zwar schien auch er bejahrt, doch konnte man wohl sehn:
Das war der starke Freund von Ledan, Omphalen:
Die Wolke und der Schwan, und auch Europens Stier,
Ein Gott für Männer stand: ein Gott-Mann stand vor mir.
Nun hat man ihn entthront, und nichts als Haar und Bart
Hat man von ihm dem Gott von heute aufgespart,
Und diese greisenweiß, dass schon das Bild bedeute:
Dies ist der liebe Gott für pastorale Leute.
Ich bin gewiss, er spricht durchaus wie ein Pastor,
Und seine Welt kommt ihm wie jenem übel vor.
Er kritisiert sich selbst, und er bereut wohl gar,
Dass er einmal so stark die Welt zu schaffen war.
Schüf er sie heute, oh, sie wäre ein Kristall,
Glatt, mathematisch, kalt; zu keinem Sündenfall
Gäb es Gelegenheit auf dieser Form aus Geiste,
Die aus Berechnung müd ein Greis zusammeneiste.

Gott Lob und Dank, die Welt stammt nicht von diesem her,
Und stammt auch nicht von Zeus. Der große Gott ist mehr
Als Greis, ist mehr als Mann. Ich sah auf Götzenbildern,
Die Indien uns gesandt, die zeugende Natur,
Das Eins von Mann und Weib, verworrne Urkraft schildern
Und ahnte, dies ist mehr, als wilde Fratze nur.
Das Volk im Osten ist der großen Wahrheit näher
Als wir entgötterten und müden Europäer,
Die das Urheilige beschmutzen: das Geschlecht.
Europa hat am Stier sich tantenhaft gerächt.

Otto Julius Bierbaum (1865 - 1910), auch Martin Möbius, deutscher Lyriker, Romanautor und Herausgeber der Zeitschrift »Pen«

Quelle: Bierbaum, O. J., Gedichte. Gesammelte Werke in zehn Bänden, hg. von Michael Georg Conrad und Hans Brandenburg, München (Georg Müller) 1921 (posthum)

Die Kenntniß ihres Lichts gebahr ihr Finsterniß,
Sie hielten ihre Kraft für vor sich selbst gewiß.
Und voll von ihrem Glantz, verdrüssig aller Schrancken
Mißkennten sie den Gott, dem sie ihn solten dancken.

Johann Jakob Bodmer (1698 - 1783), Schweizer Philologe

Quelle: Bodmer, Kritische Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie, Erstdruck 1740. Ursprünglich als besonderer Abschnitt zu Breitingers Kritischer Dichtkunst gedacht. Originaltext