14475 Gedichte.

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Nun, gute Nacht! mein Leben,
Du alter, treuer Rhein,
Deine Wellen schweben
Schon im klaren Sternenschein;
Die Welt ist rings entschlafen,
Es singt den Wolkenschafen
Der Mond ein Lied.

Der Schiffer schläft im Nachen
Und träumet von dem Meer,
Du aber, du mußt wachen
Und trägst das Schiff einher.
Du führst ein freies Leben,
Durchtanzest bei den Reben
Die ernste Nacht.

Wer dich gesehn, lernt lachen;
Du bist so freudenreich,
Du labst das Herz der Schwachen
Und machst den Armen reich,
Du spiegelst hohe Schlösser,
Und füllest große Fässer
Mit edlem Wein.

Auch manchen lehrst du weinen,
Dem du sein Lieb entführt,
Gott wolle die vereinen,
Die solche Sehnsucht rührt.
Sie irren in den Hainen
Und von den Echosteinen
Erschallt ihr Weh.

Und manchen lehret beten
Dein tiefer Felsengrund,
Wer dich in Zorn betreten,
Den ziehst du in den Schlund.
Wo deine Strudel brausen,
Wo deine Wirbel sausen,
Da beten sie.

Mich aber lehrst du singen,
Wenn dich mein Aug' ersieht,
Ein freudenselig Klingen
Mir durch den Busen zieht.
Treib fromm nur meine Mühle,
Jetzt scheid' ich in der Kühle
Und schlummre ein.

Ihr lieben Sterne decket
Mir meinen Vater zu.
Bis mich die Sonne wecket,
Bis dahin mahle du.
Wird's gut, will ich dich preisen,
Dann sing' in höhern Weisen
Ich dir ein Lied.

Nun werf' ich dir zum Spiele
Den Kranz in deine Flut,
Trag' ihn zu seinem Ziele,
Wo dieser Tag auch ruht.
Und nun muß ich mich wenden
Und segnend dich vollenden
Den Abendsang.

Clemens Brentano (1778 - 1842), deutscher Lyriker und Erzähler

Quelle: Brentano, Rheinmärchen, 1810-1812

Durch Zärtlichkeit und Schmeicheln,
Gefälligkeit und Scherzen,
Erobert man die Herzen
Der guten Mädchen leicht:

Doch mürrisches Befehlen
Und Poltern, Zanken, Plagen
Macht, daß in wenig Tagen
So Lieb' als Treu entweicht.

Johann Gottlieb Stephanie der Jüngere (1741 - 1800), österreichischer Schauspieler, Dramatiker und Opernlibrettist

Quelle: Stephanie der Jüngere, Libretto (nach Christoph Friedrich Bretzner) zu "Die Entführung aus dem Serail", Singspiel in drei Akten, komponiert von Wolfgang Amadeus Mozart, uraufgeführt im Burgtheater in Wien am 6. Juli 1782. Zweiter Akt, erster Auftritt, Blonde

Ein alter umgeweheter Kirsch-Baum

So muß dich denn zuletzt der wilde Nord zerspalten,
Da dein Verdienst, wodurch du dich erhalten,
Das Beil oft von dir abgekehrt,
Weil sonst dein Stand die Durchsicht mir verwehrt?
Ob ich nun gleich dadurch, bey deinem Scheiden,
Fast mehr gewonnen, als verlohren;
So seh ich dich doch, mit betrübten Freuden,
In deinem Lager an.
Es hat dich dein Verdienst beschützet:
Dieß dein Verdienst begleitet dich
Zu der Zeit auch, da grimmiglich
Ein Wetter auf dich stürmt und blitzet.
Dein längstgeborst'ner Stamm hat eh nicht brennen wollen,
Als bis du mir zu guter letzt
Das, was ich an dir hoch geschätzt,
Die grossen Kirschen reif hast können zollen.

Die Kinder, die sich bis daher,
Mit aufgeschlag'nem Aug', an deiner Frucht ergetzet,
Betrüben sich; doch freuen sie sich mehr,
Indem sie ihren Wunsch, die reifen Kirschen nun,
Wodurch dein Haupt bisher sich pflag zu schmücken,
Itzund, wie sie mit Jauchzen thun,
In deinen Zweigen selber pflücken.
Sie können nunmehr, ohn' Gefahr,
Auf deinen ehedem erhab'nen Gipfel steigen.

Bald halb verdeckt, bald gantz und gar,
Sieht man sie in den grünen Zweigen,
Mit kindischem Gewühl und frohem Lermen,
Geschäfftig schlupfen, hüpfen, schwärmen.
Kein einziger von ihnen denckt daran,
Wie es nun auch das letzte mahl,
Daß er der süssen Kirschen Zahl
Von diesem Baume pflücken kann.
Sie wissen nicht, daß oft Verdruß,
Auch aus der Lust so gar, entspringet,
Und daß ein kurtzer Ueberfluß
Oft einen langen Mangel bringet.

Barthold Heinrich Brockes (1680 - 1747), auch Bertold Hinrich Brockes, deutscher Dichter, 1720 Ratsherr in Hamburg, trat 1724 der Patriotischen Gesellschaft bei, wurde 1728 Stadtrichter, zwei Jahre später Landrichter, ab 1742 erster Landherr von Hamm und Horn

Quelle: Brockes, Irdisches Vergnügen in Gott, 1738. Originaltext

Was ist doch eurer Großmuth Zeichen,
Ihr Helden, die ihr immer kriegt?
Zerstöhr'te Städte, tausend Leichen,
Ein Land, drauf Schutt und Asche liegt.

Barthold Heinrich Brockes (1680 - 1747), auch Bertold Hinrich Brockes, deutscher Dichter, 1720 Ratsherr in Hamburg, trat 1724 der Patriotischen Gesellschaft bei, wurde 1728 Stadtrichter, zwei Jahre später Landrichter, ab 1742 erster Landherr von Hamm und Horn

Quelle: Brockes, Irdisches Vergnügen in Gott, 1738. Helden-Gedichte. Originaltext

Sind denn die trefflichen Geschöpfe,
Die Menschen, dazu nur gemacht,
Daß um vier, fünf erhitzte Köpfe
Man sie, wie Ochsen, wieder schlach't?

Barthold Heinrich Brockes (1680 - 1747), auch Bertold Hinrich Brockes, deutscher Dichter, 1720 Ratsherr in Hamburg, trat 1724 der Patriotischen Gesellschaft bei, wurde 1728 Stadtrichter, zwei Jahre später Landrichter, ab 1742 erster Landherr von Hamm und Horn

Quelle: Brockes, Irdisches Vergnügen in Gott, 1738. Helden-Gedichte. Originaltext

Das Brot

Er saß beim Frühstück äußerst grämlich,
Da sprach ein Krümchen Brot vernehmlich:

Aha, so ist es mit dem Orden
Für diesmal wieder nichts geworden.
Ja, Freund, wer seinen Blick erweitert
Und schaut nach hinten und nach vorn,
Der preist den Kummer, denn er läutert.
Ich selber war ein Weizenkorn.
Mit vielen, die mir anverwandt,
Lag ich im rauhen Ackerland.
Bedrückt von einem Erdenkloß,
Macht ich mich mutig strebend los.
Gleich kam ein alter Has gehupft
Und hat mich an der Nas gezupft;
Und als es Winter ward, verfror,
Was peinlich ist, mein linkes Ohr;
Und als ich reif mit meiner Sippe,
O weh, da hat mit seiner Hippe
Der Hans uns rutschweg abgesäbelt
Und zum Ersticken festgeknebelt
Und auf die Tenne fortgeschafft,
Wo ihrer vier mit voller Kraft
In regelrechtem Flegeltakte
Uns klopften, daß die Schwarte knackte.
Ein Esel trug uns nach der Mühle.
Ich sage dir, das sind Gefühle,
Wenn man, zerrieben und gedrillt
Zum allerfeinsten Staubgebild,
Sich kaum besinnt und fast vergisst,
Ob Sonntag oder Montag ist.
Und schließlich schob der Bäckermeister,
Nachdem wir erst als zäher Kleister
In seinem Troge baß gehudelt,
Vermengt, geknetet und vernudelt,
Uns in des Ofens höchste Glut.
Jetzt sind wir Brot. Ist das nicht gut?
Frischauf, du hast genug, mein Lieber,
Greif zu und schneide nicht zu knapp
Und streiche tüchtig Butter drüber
Und gib den andern auch was ab.

Wilhelm Busch (1832 - 1908), deutscher Zeichner, Maler und Schriftsteller

Quelle: Busch, W., Gedichte. Zu guter Letzt, 1904