14356 Gedichte.

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Das Brot

Er saß beim Frühstück äußerst grämlich,
Da sprach ein Krümchen Brot vernehmlich:

Aha, so ist es mit dem Orden
Für diesmal wieder nichts geworden.
Ja, Freund, wer seinen Blick erweitert
Und schaut nach hinten und nach vorn,
Der preist den Kummer, denn er läutert.
Ich selber war ein Weizenkorn.
Mit vielen, die mir anverwandt,
Lag ich im rauhen Ackerland.
Bedrückt von einem Erdenkloß,
Macht ich mich mutig strebend los.
Gleich kam ein alter Has gehupft
Und hat mich an der Nas gezupft;
Und als es Winter ward, verfror,
Was peinlich ist, mein linkes Ohr;
Und als ich reif mit meiner Sippe,
O weh, da hat mit seiner Hippe
Der Hans uns rutschweg abgesäbelt
Und zum Ersticken festgeknebelt
Und auf die Tenne fortgeschafft,
Wo ihrer vier mit voller Kraft
In regelrechtem Flegeltakte
Uns klopften, daß die Schwarte knackte.
Ein Esel trug uns nach der Mühle.
Ich sage dir, das sind Gefühle,
Wenn man, zerrieben und gedrillt
Zum allerfeinsten Staubgebild,
Sich kaum besinnt und fast vergisst,
Ob Sonntag oder Montag ist.
Und schließlich schob der Bäckermeister,
Nachdem wir erst als zäher Kleister
In seinem Troge baß gehudelt,
Vermengt, geknetet und vernudelt,
Uns in des Ofens höchste Glut.
Jetzt sind wir Brot. Ist das nicht gut?
Frischauf, du hast genug, mein Lieber,
Greif zu und schneide nicht zu knapp
Und streiche tüchtig Butter drüber
Und gib den andern auch was ab.

Wilhelm Busch (1832 - 1908), deutscher Zeichner, Maler und Schriftsteller

Quelle: Busch, Gedichte. Zu guter Letzt, 1904

Prosaischer Kauz

Der holde Mond erhebt sich leise.
Ein alter Kauz denkt nur an Mäuse.

Wilhelm Busch (1832 - 1908), deutscher Zeichner, Maler und Schriftsteller

Quelle: Busch, Bildergeschichten. Hernach, 1908

In deine Augen

Blau wird es in deinen Augen –
Aber warum zittert all mein Herz
Vor deinen Himmeln.

Nebel liegt auf meiner Wange
Und mein Herz beugt sich zum Untergange.

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945), deutsch-jüdische Dichterin, Vertreterin der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus in der Literatur. Kleist-Preis 1932

Quelle: Lasker, Gesammelte Gedichte, Verlag der Weißen Bücher, Leipzig 1917

Weißt du noch?

Wie wir uns fanden zum erstenmal
Unterm Fliederbusch, bei der Mühle im Tal,
Wo die Quelle rann am verborgenen Platz,
Hans, du mein Lieb, Hans, du mein Schatz,
Weißt du noch?
Weißt du es noch?

"Hing nicht der Flieder über uns her,
Eine schattige Laube, duftend und schwer?
Sang nicht die Nachtigall süßen Laut?
Clärchen, mein Lieb, Clärchen, mein Traut –
Freilich doch
Weiß ich es noch."

Wie wir das saßen auf einsamer Bank,
Bis dir mein Haupt an die Wange sank,
Wie es da ruhen und rasten blieb –
Hans, du mein Schatz, Hans, du mein Lieb –
Weißt du noch?
Weißt du es noch?

"Als wir uns setzten, stand hoch ja der Tag,
Als wir aufstanden, der Mondschein lag
Über den Wiesen, duftig betaut;
Clärchen, mein Lieb, Clärchenh, mein Traut,
Freilich doch
Weiß ich es noch."

Wie wir dann gingen durch Wiesen und Land,
Arme in Armen und Hand in Hand,
Was du mir sagtest und flüstertest dort,
Hans, du mein Schatz, das glückselige Wort,
Weißt du noch?
Weißt du es noch?

"Sah ich nicht glühen dein süßes Gesicht,
Als ich dir sagte ganz leise, ganz dicht:
Bist mir mein alles, mein Herz, meine Braut –
Clärchen, mein Lieb, Clärchen, mein Traut,
Freilich doch
Weiß ich es noch."

Nicht mehr zusammen durch Wiesen und Land
Gehen wir beide nun Hand in Hand –
Sag mir, wie lang ist das all nun vorbei,
Siehst mich heut an, ob ich's selber noch sei,
Fragst wo das Antlitz, das lachende, blieb –
Hans, du mein Alter, Hans, du mein Lieb,
Sprächest mir heut
Nicht wie vor Zeit.

"Rücke mir näher dein liebes Gesicht,
Will dir was sagen, ganz leise, ganz dicht:
Clärchen, mein Altchen, Clärchen, mein Traut,
Warst mir mein alles, mein Herz, meine Braut,
Warst es vor Zeit,
Bist es noch heut,
Sollst es mir bleiben in Ewigkeit."

Ernst von Wildenbruch (1845 - 1909), deutscher vaterländischer Dramatiker, Erzähler und Novellist, Enkel Louis Ferdinands von Preußen

Quelle: Wildenbruch, Gesammelte Werke. Herausgegeben von Berthold Litzmann,
G. Grotesche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1924. Band 15 (Gedichte und kleine Prosa)

Aus der Beeringsstraße

Die Lieder, die mir unter Schmerz und Lust
Aus jugendlichem Busen sich befreit,
Nachklangen wohl, ich bin es mir bewußt,
In Derer Herzen, denen sie geweiht;
Sei still, mein Herz, und trage den Verlust,
Sie klangen, sie verhallten in der Zeit;
Mein Lieben und mein Leben sind verhallt
Mit meinen Liedern, um mich ist es kalt.

Das Leben hat, der Tod hat mich beraubt,
Es fallen Freunde, sterben von mir ab,
Es senkt sich tief und tiefer schon mein Haupt,
Ich setze träumend weiter meinen Stab,
Und wanke, müder, als wohl mancher glaubt,
Entgegen meinem Ziele, meinem Grab.
Es gibt des Kornes wenig, viel der Spreu:
Ich pflückte Blumen, sammelte nur Heu.

Das tat ich sonst, das tu ich annoch heute,
Ich pflücke Blumen und ich sammle Heu;
Botanisieren nennen das die Leute,
Und anders es zu nennen trag ich Scheu;
So schweift das Menschenkind nach trockner Beute
Das Leben und die Welt hindurch, die Reu
Ereilet ihn, und, wie er rückwärts schaut,
Der Abend sinkt, das Haar ist schon ergraut.

So, Bruder, schaudert's mich auf irrer Bahn,
Wann düstre Nebel ruhn auf trübem Meer;
Beeiste Felsen ruf ich liebend an,
Die kalten Massen widerhallen leer;
Ich bin in Sprach und Leben ja der Mann,
Der jede Sylbe wäget falsch und schwer;
Ich kehre heim, so wie ich ausgegangen,
Ein Kind, vom greisen Alter schon umfangen.

Wann erst der Palme luft'ge Krone wieder
In tiefer Bläue schlankgetragen ruht,
Aus heitrer Höh die mächt'ge Sonne nieder
Zur wonn'gen Erde schaut in reiner Glut,
Dann schmiegen sich durchwärmt die starren Glieder
Und minder schwer zum Herzen fließt das Blut,
Dann möchten auch die düstern Träume weichen
Und ich die Hand dir sonder Klage reichen.

Adelbert von Chamisso (1781 - 1838), eigentlich Louis Charles-Adélaïde de Chamisso de Boncourt, deutsch-französischer Dichter und Naturforscher

Quelle: Chamisso, Gedichte. Im Sommer 1816

Die erste Schiefertafel

Mir war von Freud und Stolz die Brust geschwellt,
Ich sah bereits im Geiste hoch vor mir
Gehäuft die Schätze der gesamten Welt.
Der Edelsteine Licht, der Perlen Zier,
Und der Gewänder Indiens reichste Pracht,
Die legt ich alle nur zu Füßen ihr.
Das Gold, den Mammon, diese Erdenmacht,
An welcher sich das Alter liebt zu sonnen,
Ich hatt's dem grauen Vater dargebracht.
Und selber hatt ich Ruhe mir gewonnen,
Gekühlt der tatendurst'gen Jugend Glut,
Und war geduldig worden und besonnen.
Sie schalt nicht fürder mein zu rasches Blut;
Ich wärmte mich an ihres Herzens Schlägen,
Von ihren weichen Armen sanft umruht.
Es sprach der Vater über uns den Segen,
Ich fand den Himmel in des Hauses Schranken,
Und fühlte keinen Wunsch sich fürder regen.
So wehten töricht vorwärts die Gedanken;
Ich aber lag auf dem Verdeck zu Nacht,
Und sah die Sterne durch das Tauwerk schwanken.
Ich ward vom Wind mit Kühlung angefacht,
Der so die Segel spannte, daß wir kaum
Den flücht'gen Weg je schnellern Laufs gemacht.
Da schreckte mich ein Stoß aus meinem Traum
Erdröhnend durch das schwache Bretterhaus;
Ein Wehruf hallte aus dem untern Raum.
Ein zweiter Stoß, ein dritter; krachend aus
Den Fugen riß das Plankenwerk, die Welle
Schlug schäumend ein und endete den Graus.
Verlorner Schwimmer in der Brandung Schwelle,
Noch rang ich jugendkräftig mit den Wogen,
Und sah noch über mir die Sternenhelle.
Da fühlt ich in den Abgrund mich gezogen,
Und wieder aufwärts fühlt ich mich gehoben,
Und schaute einmal noch des Himmels Bogen.
Dann brach die Kraft in der Gewässer Toben,
Ich übergab dem Tod mich in der Tiefe,
Und sagte Lebewohl dem Tag dort oben.
Da schien mir, daß in tiefem Schlaf ich schliefe,
Und sei mir aufzuwachen nicht verliehen,
Obgleich die Stimme mir's im Innern riefe.
Ich rang mich solchem Schlafe zu entziehen,
Und ich besann mich, schaut umher, und fand,
Es habe hier das Meer mich ausgespieen.
Und wie vom Todesschlaf ich auferstand,
Bemüht ich mich die Höhe zu ersteigen,
Um zu erkunden dies mein Rettungsland.
Da wollten Meer und Himmel nur sich zeigen,
Die diesen einsam nackten Stein umwanden,
Dem nackt und einsam selbst ich fiel zu eigen.
Wo dort mit voller Wut die Wellen branden,
Auf fernem Riffe war das Wrack zu sehen,
Wo selbst es lange Jahre noch gestanden.
Mir unerreichbar! – und des Windes Wehen,
Der Strom, entführen seewärts weiter fort
Des Schiffbruchs Trümmer, welcher dort geschehen.
Ich aber dachte: nicht an solchem Ort
Wirst lange die Gefährten du beneiden,
Die früher ihr Geschick ereilte dort.
Nicht also, – mich, es will nur mich vermeiden!
Der Vögel Eier reichen hin allein
Mein Leben zu verlängern und mein Leiden.
Selbander leb ich so mit meiner Pein,
Und kratze mit den scharfen Muschelscherben
Auf diesen mehr als ich geduld'gen Stein:
"Ich bin noch ohne Hoffnung bald zu sterben."

Adelbert von Chamisso (1781 - 1838), eigentlich Louis Charles-Adélaïde de Chamisso de Boncourt, deutsch-französischer Dichter und Naturforscher

Quelle: Chamisso, Gedichte. Erstdruck 1830. Originaltext