14477 Gedichte.

Seite: 1425

Weißt du noch?

Wie wir uns fanden zum erstenmal
Unterm Fliederbusch, bei der Mühle im Tal,
Wo die Quelle rann am verborgenen Platz,
Hans, du mein Lieb, Hans, du mein Schatz,
Weißt du noch?
Weißt du es noch?

"Hing nicht der Flieder über uns her,
Eine schattige Laube, duftend und schwer?
Sang nicht die Nachtigall süßen Laut?
Clärchen, mein Lieb, Clärchen, mein Traut –
Freilich doch
Weiß ich es noch."

Wie wir das saßen auf einsamer Bank,
Bis dir mein Haupt an die Wange sank,
Wie es da ruhen und rasten blieb –
Hans, du mein Schatz, Hans, du mein Lieb –
Weißt du noch?
Weißt du es noch?

"Als wir uns setzten, stand hoch ja der Tag,
Als wir aufstanden, der Mondschein lag
Über den Wiesen, duftig betaut;
Clärchen, mein Lieb, Clärchenh, mein Traut,
Freilich doch
Weiß ich es noch."

Wie wir dann gingen durch Wiesen und Land,
Arme in Armen und Hand in Hand,
Was du mir sagtest und flüstertest dort,
Hans, du mein Schatz, das glückselige Wort,
Weißt du noch?
Weißt du es noch?

"Sah ich nicht glühen dein süßes Gesicht,
Als ich dir sagte ganz leise, ganz dicht:
Bist mir mein alles, mein Herz, meine Braut –
Clärchen, mein Lieb, Clärchen, mein Traut,
Freilich doch
Weiß ich es noch."

Nicht mehr zusammen durch Wiesen und Land
Gehen wir beide nun Hand in Hand –
Sag mir, wie lang ist das all nun vorbei,
Siehst mich heut an, ob ich's selber noch sei,
Fragst wo das Antlitz, das lachende, blieb –
Hans, du mein Alter, Hans, du mein Lieb,
Sprächest mir heut
Nicht wie vor Zeit.

"Rücke mir näher dein liebes Gesicht,
Will dir was sagen, ganz leise, ganz dicht:
Clärchen, mein Altchen, Clärchen, mein Traut,
Warst mir mein alles, mein Herz, meine Braut,
Warst es vor Zeit,
Bist es noch heut,
Sollst es mir bleiben in Ewigkeit."

Ernst von Wildenbruch (1845 - 1909), deutscher vaterländischer Dramatiker, Erzähler und Novellist, Enkel Louis Ferdinands von Preußen

Quelle: Wildenbruch, Gesammelte Werke, hg. von Berthold Litzmann, Berlin 1924. Band 15 (Gedichte und kleine Prosa)

Aus der Beeringsstraße

Die Lieder, die mir unter Schmerz und Lust
Aus jugendlichem Busen sich befreit,
Nachklangen wohl, ich bin es mir bewußt,
In Derer Herzen, denen sie geweiht;
Sei still, mein Herz, und trage den Verlust,
Sie klangen, sie verhallten in der Zeit;
Mein Lieben und mein Leben sind verhallt
Mit meinen Liedern, um mich ist es kalt.

Das Leben hat, der Tod hat mich beraubt,
Es fallen Freunde, sterben von mir ab,
Es senkt sich tief und tiefer schon mein Haupt,
Ich setze träumend weiter meinen Stab,
Und wanke, müder, als wohl mancher glaubt,
Entgegen meinem Ziele, meinem Grab.
Es gibt des Kornes wenig, viel der Spreu:
Ich pflückte Blumen, sammelte nur Heu.

Das tat ich sonst, das tu ich annoch heute,
Ich pflücke Blumen und ich sammle Heu;
Botanisieren nennen das die Leute,
Und anders es zu nennen trag ich Scheu;
So schweift das Menschenkind nach trockner Beute
Das Leben und die Welt hindurch, die Reu
Ereilet ihn, und, wie er rückwärts schaut,
Der Abend sinkt, das Haar ist schon ergraut.

So, Bruder, schaudert's mich auf irrer Bahn,
Wann düstre Nebel ruhn auf trübem Meer;
Beeiste Felsen ruf ich liebend an,
Die kalten Massen widerhallen leer;
Ich bin in Sprach und Leben ja der Mann,
Der jede Sylbe wäget falsch und schwer;
Ich kehre heim, so wie ich ausgegangen,
Ein Kind, vom greisen Alter schon umfangen.

Wann erst der Palme luft'ge Krone wieder
In tiefer Bläue schlankgetragen ruht,
Aus heitrer Höh die mächt'ge Sonne nieder
Zur wonn'gen Erde schaut in reiner Glut,
Dann schmiegen sich durchwärmt die starren Glieder
Und minder schwer zum Herzen fließt das Blut,
Dann möchten auch die düstern Träume weichen
Und ich die Hand dir sonder Klage reichen.

Adelbert von Chamisso (1781 - 1838), eigentlich Louis Charles-Adélaïde de Chamisso de Boncourt, deutsch-französischer Dichter und Naturforscher

Quelle: Chamisso, Gedichte. Im Sommer 1816

Die erste Schiefertafel

Mir war von Freud und Stolz die Brust geschwellt,
Ich sah bereits im Geiste hoch vor mir
Gehäuft die Schätze der gesamten Welt.
Der Edelsteine Licht, der Perlen Zier,
Und der Gewänder Indiens reichste Pracht,
Die legt ich alle nur zu Füßen ihr.
Das Gold, den Mammon, diese Erdenmacht,
An welcher sich das Alter liebt zu sonnen,
Ich hatt's dem grauen Vater dargebracht.
Und selber hatt ich Ruhe mir gewonnen,
Gekühlt der tatendurst'gen Jugend Glut,
Und war geduldig worden und besonnen.
Sie schalt nicht fürder mein zu rasches Blut;
Ich wärmte mich an ihres Herzens Schlägen,
Von ihren weichen Armen sanft umruht.
Es sprach der Vater über uns den Segen,
Ich fand den Himmel in des Hauses Schranken,
Und fühlte keinen Wunsch sich fürder regen.
So wehten töricht vorwärts die Gedanken;
Ich aber lag auf dem Verdeck zu Nacht,
Und sah die Sterne durch das Tauwerk schwanken.
Ich ward vom Wind mit Kühlung angefacht,
Der so die Segel spannte, daß wir kaum
Den flücht'gen Weg je schnellern Laufs gemacht.
Da schreckte mich ein Stoß aus meinem Traum
Erdröhnend durch das schwache Bretterhaus;
Ein Wehruf hallte aus dem untern Raum.
Ein zweiter Stoß, ein dritter; krachend aus
Den Fugen riß das Plankenwerk, die Welle
Schlug schäumend ein und endete den Graus.
Verlorner Schwimmer in der Brandung Schwelle,
Noch rang ich jugendkräftig mit den Wogen,
Und sah noch über mir die Sternenhelle.
Da fühlt ich in den Abgrund mich gezogen,
Und wieder aufwärts fühlt ich mich gehoben,
Und schaute einmal noch des Himmels Bogen.
Dann brach die Kraft in der Gewässer Toben,
Ich übergab dem Tod mich in der Tiefe,
Und sagte Lebewohl dem Tag dort oben.
Da schien mir, daß in tiefem Schlaf ich schliefe,
Und sei mir aufzuwachen nicht verliehen,
Obgleich die Stimme mir's im Innern riefe.
Ich rang mich solchem Schlafe zu entziehen,
Und ich besann mich, schaut umher, und fand,
Es habe hier das Meer mich ausgespieen.
Und wie vom Todesschlaf ich auferstand,
Bemüht ich mich die Höhe zu ersteigen,
Um zu erkunden dies mein Rettungsland.
Da wollten Meer und Himmel nur sich zeigen,
Die diesen einsam nackten Stein umwanden,
Dem nackt und einsam selbst ich fiel zu eigen.
Wo dort mit voller Wut die Wellen branden,
Auf fernem Riffe war das Wrack zu sehen,
Wo selbst es lange Jahre noch gestanden.
Mir unerreichbar! – und des Windes Wehen,
Der Strom, entführen seewärts weiter fort
Des Schiffbruchs Trümmer, welcher dort geschehen.
Ich aber dachte: nicht an solchem Ort
Wirst lange die Gefährten du beneiden,
Die früher ihr Geschick ereilte dort.
Nicht also, – mich, es will nur mich vermeiden!
Der Vögel Eier reichen hin allein
Mein Leben zu verlängern und mein Leiden.
Selbander leb ich so mit meiner Pein,
Und kratze mit den scharfen Muschelscherben
Auf diesen mehr als ich geduld'gen Stein:
"Ich bin noch ohne Hoffnung bald zu sterben."

Adelbert von Chamisso (1781 - 1838), eigentlich Louis Charles-Adélaïde de Chamisso de Boncourt, deutsch-französischer Dichter und Naturforscher

Quelle: Chamisso, Gedichte. Erstdruck 1830. Originaltext

An die Laute

Du singst, o Nachtigall! allein
Bei schauervoller Nacht:
Dein Lied ertönt im dunkeln Hain,
Wo nur die Schwermut wacht.

Dein Lied erfrischt des Wandrers Herz,
Der tief im Wald verirrt,
Von mancher Furcht, von manchem Schmerz
Bestürmt und trostlos wird.

Er hört den kläglich süßen Ton
Mit ehrfurchtvoller Lust:
Die Hoffnung, die schon fast entflohn,
Erwacht in seiner Brust.

Nun geht er durch die dunkle Bahn
Mit sichern Schritten hin:
Sein Schutzgeist gehet still voran;
Der Nächte Schrecken fliehn.

Wenn auf des Lebens dunkelm Pfad
Die Seele trostlos irrt,
Und ohne Schutz und ohne Rat
Der Schwermut Beute wird.

Oh, sanfte Laute! töne du
Bei stiller Mitternacht
Mir Hoffnung, Trost und Ruhe zu,
Die Hirten glücklich macht!

Entfernt von prächt'ger Toren Hohn,
Lehrst du mich ruhig sein.
Mein Leben sei, so wie dein Ton,
Still, anmutsvoll und rein.

Der prächtigen Trompeten Klang
Ist schön, doch fürchterlich:
Ganz leise tönet dein Gesang,
Und reizend nur für mich.

So sei mein Leben stillbeglückt,
Sanft, aber unbekannt,
Mit stillen Tugenden geschmückt,
Im sichern Mittelstand.

Ein schimmernd Glück begehr' ich nie:
Oh, wär' die Weisheit mein!
Erhabne Vorsicht, gib mir sie,
So werd' ich glücklich sein!

Der Lorbeer bleibt beständig grün,
Den uns die Muse reicht,
Wenn auch die Zeiten schnell entfliehn,
Der Jugend Scherz entweicht.

Mein Alter sei nicht freudenleer,
Nicht ohne Scherz und Lied!
Der Tod ist nur dem Toren schwer,
Dem sterbend alles flieht.

Johann Friedrich von Cronegk (1731 - 1758), deutscher Dichter und Schriftsteller, ansbachischer Hof- Regierungs- und Justizrat

Quelle: Cronegk, J. F., Gedichte. Cronegks Schriften, hg. von Johann Peter Uz, Leipzig/Ansbach 1761-63, Band 2: Gedichte (posthum)

Es sind die Sonnen und Planeten, alle,
Die hehren Lebensspender in der Welt,
Die Liebeslichter in der Tempelhalle
Der Gottheit, die sie aus dem Herzen schwellt.

Nur Liebe sind sie, tief zur Kraft gedichtet,
Ihr Lichtruf ist urmächtig angespannt,
Er ist als Lebensschwall ins All gerichtet,
Was er erreicht, ist an den Tag gebannt!

Ein Liebesband hält die Natur verkettet;
Die Ätherschwelle wie der Feuerstern,
Die ganze Welt, die sich ins Dunkel bettet,
Er sehnt in sich den gleichen Ruhekern.

Durch Sonnenliebe wird die Nacht gelichtet,
Durch Glut und Glück belebt sich der Planet,
Die Starre wird durch einen Brand vernichtet,
Vom Meer ein Liebeswind verweht.

Wo sich die Eigenkraft als Stern entzündet,
Wird Leben auch sofort entflammt,
Und wenn die Welt sich im Geschöpf ergründet,
So weiß das Leid, dass es dem Glück entstammt.

So muss die Erde uns mit Lust gebaren,
Und wird auch unser Sein vom Tag geschweißt,
Können doch Sterne uns vom Grund belehren
Und sagen, dass kein Liebesband zerreißt.

Wir sehn das Leben uns die Jugend rauben,
Es ängstigt uns das Alter und der Tod,
Drum wollen wir an einen Anfang glauben
Und schwören auf ein ewiges Urgebot.

Doch ist die Ruhe bloß ihr Ruheleben,
Nichts ist verschieden, was sich anders zeige;
Und vollerfüllt ist selbst der Geister Beben,
Ja, alles die Natur, die sprechend schweigt!

Beständigkeit ist der Gewinn der Starre,
Doch es ereilt, zermürbt sie Ätherwut,
Und bloß der Geist ist da, dass er beharre,
Da er als Licht auf seiner Schnelle ruht.

Es sucht die Welt zwar immerfort zu dauern
Und sie umrundet drum den eigenen Kern,
Sie kann zum Schutz sich selber rings umkauern,
Doch ist ihr Wunsch nicht ewig, sondern fern.

Es mag die Welt das Weiteste verbinden,
Der Geist jedoch, der aus sich selber drangt,
Kann solche Riesenkreise um sich winden,
Dass überall sein Wirken sich verschenkt.

So sind die Welten immerfort entstanden,
Doch da sich Ewiges jedem Ziel entreißt,
Entlösten Sterne sich von Sternesbanden,
Was die Unendlichkeit im Sein beweist!

Ja Liebe, Liebe will sich Welten schaffen,
Bloß Liebe ohne Zweck und ohne Ziel,
Stets gleich, will sie stets anders sich entraffen,
Und jung, zu jung, bleibt drum ihr ewiges Spiel.

Denn glühte durch das All ein Schöpferwollen,
So hätte eine Welt sich aufgebaut,
Und traumlos würden Geister heller Schollen,
Im klaren Sein, von ihrem Dunkelgrund durchgraut.

Theodor Däubler (1876 - 1934), deutscher Schriftsteller, Wegbereiter des Expressionismus

Quelle: Däubler, Th., Gedichte. Das Nordlicht, entst. 1904-1906 und 1898-1910, ersch. u.a. als "Genfer Fassung" im Insel-Verlag, Leipzig 1921