14396 Gedichte.

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Die erste Schiefertafel

Mir war von Freud und Stolz die Brust geschwellt,
Ich sah bereits im Geiste hoch vor mir
Gehäuft die Schätze der gesamten Welt.
Der Edelsteine Licht, der Perlen Zier,
Und der Gewänder Indiens reichste Pracht,
Die legt ich alle nur zu Füßen ihr.
Das Gold, den Mammon, diese Erdenmacht,
An welcher sich das Alter liebt zu sonnen,
Ich hatt's dem grauen Vater dargebracht.
Und selber hatt ich Ruhe mir gewonnen,
Gekühlt der tatendurst'gen Jugend Glut,
Und war geduldig worden und besonnen.
Sie schalt nicht fürder mein zu rasches Blut;
Ich wärmte mich an ihres Herzens Schlägen,
Von ihren weichen Armen sanft umruht.
Es sprach der Vater über uns den Segen,
Ich fand den Himmel in des Hauses Schranken,
Und fühlte keinen Wunsch sich fürder regen.
So wehten töricht vorwärts die Gedanken;
Ich aber lag auf dem Verdeck zu Nacht,
Und sah die Sterne durch das Tauwerk schwanken.
Ich ward vom Wind mit Kühlung angefacht,
Der so die Segel spannte, daß wir kaum
Den flücht'gen Weg je schnellern Laufs gemacht.
Da schreckte mich ein Stoß aus meinem Traum
Erdröhnend durch das schwache Bretterhaus;
Ein Wehruf hallte aus dem untern Raum.
Ein zweiter Stoß, ein dritter; krachend aus
Den Fugen riß das Plankenwerk, die Welle
Schlug schäumend ein und endete den Graus.
Verlorner Schwimmer in der Brandung Schwelle,
Noch rang ich jugendkräftig mit den Wogen,
Und sah noch über mir die Sternenhelle.
Da fühlt ich in den Abgrund mich gezogen,
Und wieder aufwärts fühlt ich mich gehoben,
Und schaute einmal noch des Himmels Bogen.
Dann brach die Kraft in der Gewässer Toben,
Ich übergab dem Tod mich in der Tiefe,
Und sagte Lebewohl dem Tag dort oben.
Da schien mir, daß in tiefem Schlaf ich schliefe,
Und sei mir aufzuwachen nicht verliehen,
Obgleich die Stimme mir's im Innern riefe.
Ich rang mich solchem Schlafe zu entziehen,
Und ich besann mich, schaut umher, und fand,
Es habe hier das Meer mich ausgespieen.
Und wie vom Todesschlaf ich auferstand,
Bemüht ich mich die Höhe zu ersteigen,
Um zu erkunden dies mein Rettungsland.
Da wollten Meer und Himmel nur sich zeigen,
Die diesen einsam nackten Stein umwanden,
Dem nackt und einsam selbst ich fiel zu eigen.
Wo dort mit voller Wut die Wellen branden,
Auf fernem Riffe war das Wrack zu sehen,
Wo selbst es lange Jahre noch gestanden.
Mir unerreichbar! – und des Windes Wehen,
Der Strom, entführen seewärts weiter fort
Des Schiffbruchs Trümmer, welcher dort geschehen.
Ich aber dachte: nicht an solchem Ort
Wirst lange die Gefährten du beneiden,
Die früher ihr Geschick ereilte dort.
Nicht also, – mich, es will nur mich vermeiden!
Der Vögel Eier reichen hin allein
Mein Leben zu verlängern und mein Leiden.
Selbander leb ich so mit meiner Pein,
Und kratze mit den scharfen Muschelscherben
Auf diesen mehr als ich geduld'gen Stein:
"Ich bin noch ohne Hoffnung bald zu sterben."

Adelbert von Chamisso (1781 - 1838), eigentlich Louis Charles-Adélaïde de Chamisso de Boncourt, deutsch-französischer Dichter und Naturforscher

Quelle: Chamisso, Gedichte. Erstdruck 1830. Originaltext

An die Laute

Du singst, o Nachtigall! allein
Bei schauervoller Nacht:
Dein Lied ertönt im dunkeln Hain,
Wo nur die Schwermut wacht.

Dein Lied erfrischt des Wandrers Herz,
Der tief im Wald verirrt,
Von mancher Furcht, von manchem Schmerz
Bestürmt und trostlos wird.

Er hört den kläglich süßen Ton
Mit ehrfurchtvoller Lust:
Die Hoffnung, die schon fast entflohn,
Erwacht in seiner Brust.

Nun geht er durch die dunkle Bahn
Mit sichern Schritten hin:
Sein Schutzgeist gehet still voran;
Der Nächte Schrecken fliehn.

Wenn auf des Lebens dunkelm Pfad
Die Seele trostlos irrt,
Und ohne Schutz und ohne Rat
Der Schwermut Beute wird.

Oh, sanfte Laute! töne du
Bei stiller Mitternacht
Mir Hoffnung, Trost und Ruhe zu,
Die Hirten glücklich macht!

Entfernt von prächt'ger Toren Hohn,
Lehrst du mich ruhig sein.
Mein Leben sei, so wie dein Ton,
Still, anmutsvoll und rein.

Der prächtigen Trompeten Klang
Ist schön, doch fürchterlich:
Ganz leise tönet dein Gesang,
Und reizend nur für mich.

So sei mein Leben stillbeglückt,
Sanft, aber unbekannt,
Mit stillen Tugenden geschmückt,
Im sichern Mittelstand.

Ein schimmernd Glück begehr' ich nie:
Oh, wär' die Weisheit mein!
Erhabne Vorsicht, gib mir sie,
So werd' ich glücklich sein!

Der Lorbeer bleibt beständig grün,
Den uns die Muse reicht,
Wenn auch die Zeiten schnell entfliehn,
Der Jugend Scherz entweicht.

Mein Alter sei nicht freudenleer,
Nicht ohne Scherz und Lied!
Der Tod ist nur dem Toren schwer,
Dem sterbend alles flieht.

Johann Friedrich von Cronegk (1731 - 1758), deutscher Dichter und Schriftsteller, ansbachischer Hof- Regierungs- und Justizrat

Quelle: Cronegk, J. F., Gedichte. Cronegks Schriften, hg. von Johann Peter Uz, Leipzig/Ansbach 1761-63, Band 2: Gedichte (posthum)

Es sind die Sonnen und Planeten, alle,
Die hehren Lebensspender in der Welt,
Die Liebeslichter in der Tempelhalle
Der Gottheit, die sie aus dem Herzen schwellt.

Nur Liebe sind sie, tief zur Kraft gedichtet,
Ihr Lichtruf ist urmächtig angespannt,
Er ist als Lebensschwall ins All gerichtet,
Was er erreicht, ist an den Tag gebannt!

Ein Liebesband hält die Natur verkettet;
Die Ätherschwelle wie der Feuerstern,
Die ganze Welt, die sich ins Dunkel bettet,
Er sehnt in sich den gleichen Ruhekern.

Durch Sonnenliebe wird die Nacht gelichtet,
Durch Glut und Glück belebt sich der Planet,
Die Starre wird durch einen Brand vernichtet,
Vom Meer ein Liebeswind verweht.

Wo sich die Eigenkraft als Stern entzündet,
Wird Leben auch sofort entflammt,
Und wenn die Welt sich im Geschöpf ergründet,
So weiß das Leid, dass es dem Glück entstammt.

So muss die Erde uns mit Lust gebaren,
Und wird auch unser Sein vom Tag geschweißt,
Können doch Sterne uns vom Grund belehren
Und sagen, dass kein Liebesband zerreißt.

Wir sehn das Leben uns die Jugend rauben,
Es ängstigt uns das Alter und der Tod,
Drum wollen wir an einen Anfang glauben
Und schwören auf ein ewiges Urgebot.

Doch ist die Ruhe bloß ihr Ruheleben,
Nichts ist verschieden, was sich anders zeige;
Und vollerfüllt ist selbst der Geister Beben,
Ja, alles die Natur, die sprechend schweigt!

Beständigkeit ist der Gewinn der Starre,
Doch es ereilt, zermürbt sie Ätherwut,
Und bloß der Geist ist da, dass er beharre,
Da er als Licht auf seiner Schnelle ruht.

Es sucht die Welt zwar immerfort zu dauern
Und sie umrundet drum den eigenen Kern,
Sie kann zum Schutz sich selber rings umkauern,
Doch ist ihr Wunsch nicht ewig, sondern fern.

Es mag die Welt das Weiteste verbinden,
Der Geist jedoch, der aus sich selber drangt,
Kann solche Riesenkreise um sich winden,
Dass überall sein Wirken sich verschenkt.

So sind die Welten immerfort entstanden,
Doch da sich Ewiges jedem Ziel entreißt,
Entlösten Sterne sich von Sternesbanden,
Was die Unendlichkeit im Sein beweist!

Ja Liebe, Liebe will sich Welten schaffen,
Bloß Liebe ohne Zweck und ohne Ziel,
Stets gleich, will sie stets anders sich entraffen,
Und jung, zu jung, bleibt drum ihr ewiges Spiel.

Denn glühte durch das All ein Schöpferwollen,
So hätte eine Welt sich aufgebaut,
Und traumlos würden Geister heller Schollen,
Im klaren Sein, von ihrem Dunkelgrund durchgraut.

Theodor Däubler (1876 - 1934), deutscher Schriftsteller, Wegbereiter des Expressionismus

Quelle: Däubler, Th., Gedichte. Das Nordlicht, entst. 1904-1906 und 1898-1910, ersch. u.a. als "Genfer Fassung" im Insel-Verlag, Leipzig 1921

Oh Pan,
Ich trachte allseits Deine Gegenwart zu finden,
Doch in der Stille nur hast Du Dich wahr gezeigt,
Ich wartete und fahndete nach Dir, und Linden
Im Walde haben sich dann still im Wind geneigt.

Oh Pan,
Du scheinst im Waldesatem langsam zu verschwinden
Und zeigst Dich auch in der Geradheit, die zum Äther steigt,
Um Deine Hauptgedanken legst Du sorgsam Rinden,
Und rings verblätterst Du die Sehnsucht, die sich leicht verzweigt.

Was ist ein Blatt? Ein Wunsch, sich lange grünend zu erhalten.
Die Frucht? Ein Trumpf gegen die Feinde, die rings lauern.
Die Blüten? Lauter Wünsche Freude zu entfalten.
Der Same? Der Verzicht, unsterblich fortzudauern.

Oh Pan,
Ich weiß, die Kerne, die sich fest zusammenknollen,
Sind Weltgesetze, die in sich den Halt gefunden,
Aus ihnen wurden stets die ewigen Dinge jung entbunden,
Denn aus Ellipsen lässt sich alles neu entrollen.

Oh Pan,
Nun sage mir, was ist der Duft, das Gold im Pollen?
Die Glut der Erde, die sich hold zum Licht gewunden,
Die allseits trachtet, Sonnenliebe zu bekunden,
Und der Triumph ist über Not und Tod der Schollen!

Oh Pan, ich will durch Deine Wälder streifen
Und mein Erschauen soll den Forstgott loben,
Oh zeige mir, wie Sonngedanken reifen,
Wie Lebensbäche in den Bäumen toben.

Oh, lasse mich in Deinem Kreise lesen,
Denn Du erlebst Dich selbst in Deinen Sprossen,
In Pappeln ängstigt sich beinah Dein Wesen,
Weil Du darin zu rasch emporgeschossen!

Oh Pan, beharrlich ragst Du in die Tanne,
In diesem Baum willst Du Dein Alter adeln,
Ists doch, als ob er Waldlust von sich banne,
Vor allem Nahen wehrt er sich mit Nadeln!

Es scheinen Eichen, die den Fels zerspalten,
Die Schmerzen einer Gottheit zu verbeißen,
Ja Pan, es wurzeln Deine Kampfgewalten
In Stämmen, die den Boden wild aufreißen!

Gleich einem Kinde spielst Du mit dem Winde,
Denn herzlich freut Dich ringsum alles Leben,
Oh Pan, wie linde rauschst Du in der Linde!
Du lässt ihr Laub, fast singend, sacht erbeben!

Der Bäume Einfalt scheint zu Gott zu beten,
Er möge ihre stille Unschuld schützen,
Verhecktes Waldgerank und grelle Sumpfraketen
Jedoch betrachten sich kokett in Pfützen.

Oh Pan, Du sehnst, in grünen Epheuranken,
Dich nach der Urgesamtheit aller Wesen,
Es sollen an Dir selber Stämme kranken,
In denen Du Dich einzeln ausgelesen.

Du willst in Pilzen Dich ins Leben klemmen
Und trotzt darinnen jeglicher Vernichtung,
Du treibst, als Rest, zuletzt in Scharlachschwämmen
Und presst Dein Blut dabei zur Giftverdichtung.

Theodor Däubler (1876 - 1934), deutscher Schriftsteller, Wegbereiter des Expressionismus

Quelle: Däubler, Th., Gedichte. Das Nordlicht, entst. 1904-1906 und 1898-1910, ersch. u.a. als "Genfer Fassung" im Insel-Verlag, Leipzig 1921

Die Weisen mit ihrem sauern Rath,
Sie machen uns das Herz so schwer;
Und wäre nicht mein alter Wirth,
Ich lebte wohl schon lang nicht mehr.

Georg Friedrich Daumer (1800 - 1875), deutscher Schriftsteller und Religionsphilosoph, zeitweise Erzieher Kaspar Hausers; heftiger Gegner des Christentums, zu dem er aber wieder zurückkehrte, schrieb Gedichte und übertrug formsicher orientalische Lyrik

Quelle: Daumer, Hafis. Eine Sammlung persischer Gedichte, nebst poetischen Zugaben aus verschiedenen Völkern und Ländern, Hoffmann und Campe, Hamburg 1846. Originaltext. Originaltext