2 Zitate und 35 Gedichte über Ballade, Moritat.

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Die drei Indianer

Mächtig zürnt der Himmel im Gewitter,
Schmettert manche Rieseneich in Splitter,
Übertönt des Niagara Stimme,
Und mit seiner Blitze Flammenruten
Peitscht er schneller die beschäumten Fluten,
Daß sie stürzen mit empörtem Grimme.

Indianer stehn am lauten Strande,
Lauschen nach dem wilden Wogenbrande,
Nach des Waldes bangem Sterbgestöhne;
Greis der eine, mit ergrautem Haare,
Aufrecht überragend seine Jahre,
Die zwei andern seine starken Söhne.

Seine Söhne jetzt der Greis betrachtet,
Und sein Blick sich dunkler jetzt umnachtet
Als die Wolken, die den Himmel schwärzen,
Und sein Aug versendet wildre Blitze
Als das Wetter durch die Wolkenritze,
Und er spricht aus tiefempörtem Herzen:

»Fluch den Weißen! ihren letzten Spuren!
Jeder Welle Fluch, worauf sie fuhren,
Die einst Bettler unsern Strand erklettert!
Fluch dem Windhauch, dienstbar ihrem Schiffe!
Hundert Flüche jedem Felsenriffe,
Das sie nicht hat in den Grund geschmettert!

Täglich übers Meer in wilder Eile
Fliegen ihre Schiffe, giftge Pfeile,
Treffen unsre Küste mit Verderben.
Nichts hat uns die Räuberbrut gelassen,
Als im Herzen tödlich bittres Hassen:
Kommt, ihr Kinder, kommt, wir wollen sterben!«

Also sprach der Alte, und sie schneiden
Ihren Nachen von den Uferweiden,
Drauf sie nach des Stromes Mitte ringen;
Und nun werfen sie weithin die Ruder,
Armverschlungen Vater, Sohn und Bruder
Stimmen an, ihr Sterbelied zu singen.

Laut ununterbrochne Donner krachen,
Blitze flattern um den Todesnachen,
Ihn umtaumeln Möwen sturmesmunter;
Und die Männer kommen festentschlossen
Singend schon dem Falle zugeschossen,
Stürzen jetzt den Katarakt hinunter.

Nikolaus Lenau (1802 - 1850), eigentlich Nikolaus Franz Niembsch, Edler von Strehlenau, österreichischer Dichter und melancholischer Lyriker

Das lange Lied

Gesang der Weltwalrosse:

Ja nun wollen wir singen das lange Lied,
das so still wie ein Schwan durch das Weltmeer zieht,
unser Lied von der sternraumentrannten Zeit
mit der weiterhinflammenden Ewigkeit.

Morgen, Heute, Gestern
sind drei liebe Schwestern,
aber nicht die Ewigkeit.
Wir aber wollten zum Herzen des Lichts
und da die Ewigkeit umfassen.
Urplötzlich aber begriffen wir nichts
und mußten alles Denken lassen.
Als langes wüstes Träumen
erschien uns alles Leben.

Stumpf wie altes Weltgewürm
schwammen wir nun ohne Worte
durch den langen Himmelsraum,
kamen so an eine Pforte,
deren weite Schallgewölbe
auf Säulen ruhten, die aus Glas bestanden
und blitzten, daß wir's überall empfanden.
Als wir nun sehr bald bemerkten,
daß die Schläge sich verstärkten,
riß uns die Geduld – wir schimpften;
unsre dicken Walfischfelle brannten.

Und es sangen die Säulen:

Also scheuert ihr nicht ab
eure Weltnatur.
Diese Pforte sei für euch
starres Sinnbild nur
und ein Jenseitsgruß.
Denn hier geht es zu den Weltgesichtern,
die auch hinter allen Räumen lachen
und auch hinter allen Farbenlichtern
Leben aus den Sehnsuchtsträumen machen.
Zwar zu der Jenseitsherrlichkeit
kommt ganz allein die Weltenzeit.
Die geht so leicht durch diese Pforte
und weilt an manchem Wunderorte;
sie hängt beinah an jeder Weltallsfalte,
nicht nur an der, die sich mit Sternen schaukelt;
sie ging nach vielen Seiten,
ohne zu verschwinden,
und pflegte fortzuschreiten,
ohne wegzugehen.
Die in Räumen sich befinden,
werden niemals das verstehen.
Es schwebet die leichte Unbekannte
nicht über dem ganzen Allgewande,
doch hat sie viel davon gesehen.
Wollt ihr das Ganze sehen, seht ihr Nichts,
wollt ihr das Ganze hören, hört ihr Nichts.
Ihr schwimmt im räumlichen Faltenschoß
und wißt von Formen und Farben bloß.
Und die andren Höhen, Weiten und Tiefen,
die im Allgewande wachten und schliefen
und weder Höhen, noch Weiten, noch Tiefen sind –
für euch sind sie nicht da.
Ihr wißt nicht, was geschah.
Was wißt ihr von dem Ganzen?
Mit dem könnt ihr nicht tanzen.
Doch hier vor unsrer Säulenpforte
entwickelt sich ein Ahnungsspiel
von andrer Sinne Sehnsuchtsziel.
Atmet doch in jedem Augenblick
noch manches andre Weltgeschick,
das weder Lichter noch Schatten kennt
und nicht vom Einen zum Andern rennt.
Und jede selige Stunde
wird von dem Ahnungsspiel durchglänzt,
daß eure Sehnsuchtsallkunde
sicht licht- und schattenlos ergänzt.
Ja, nur Zeit und Ewigkeit
stehn mit einem Bein in andren Sphären,
des Gewürmes Wenigkeit
soll in Sehnsucht sich verzehren
und ein Ahnungsspiel gebären.
Diese Pforte sei für euch
starres Sinnbild nur
und ein Jenseitsgruß
von der Allnatur
mit den Faltengebilden
aus den Rauschglanzgefilden.

Nach diesem langen Gesange rufen die Wale sämtlich, als wäre ihnen ein Stein vom Herzen gefallen:
Schluß!

Die Wale sinken in die Tiefe und singen:

Nun schwimmen wir wieder ohne Begehren,
wir ahnen der Welten Sehnsuchtsziel –
und wollen uns gar nichts weiter erklären,
wir bleiben beim großen Ahnungsspiel.
Und tun wir auch vielen Skorpionen leid,
wir sind doch die Weisen – im Narrenkleid.

Paul Scheerbart (1863 - 1915), deutscher Schriftsteller, schrieb Gedichte und Erzählungen