3 Aphorismen und 6 Gedichte über Frühling aus der Zeit 18. Jahrhundert (Aufklärung, Sturm u. Drang).

Die Traubenhyazinthe

Angenehmes Frühlingskindchen,
Kleines Traubenhyazinthchen,
Deiner Farb und Bildung Zier
Zeiget mit Verwundrung mir
Von der bildenden Natur
Eine neue Schönheitsspur.
An des Stengels blauer Spitzen
Sieht man, wenn man billig sieht,
Deiner sonderbaren Blüt
Kleine blaue Kugeln sitzen,
Dran, so lange sich ihr Blatt
Noch nicht aufgeschlossen hat,
Wie ein Purpurstern sie schmücket,
Man nicht sonder Lust erblicket.
Aber wie von ungefähr
Meine Blicke hin und her
Auf die offnen Blumen liefen,
Konnt ich in den blauen Tiefen
Wie aus himmelblauen Höhen
Silberweiße Sternchen sehen,
Die in einer blauen Nacht,
So sie rings bedeckt, im Dunkeln
Mit dadurch erhöhter Pracht
Noch um desto heller funkeln.
Ihr so zierliches Gepränge,
Ihre Nettigkeit und Menge,
Die die blauen Tiefen füllt,
Schiene mir des Himmels Bild,
Welches meine Seele rührte
Und durch dieser Sternen Schein,
Die so zierlich, rein und klein,
Mich zum Herrn der Sterne führte,
Dessen unumschränkte Macht
Aller Himmel tiefe Meere,
Aller Welt- und Sonnen Heere
Durch ein Wort hervorgebracht;
Dem es ja so leicht, die Pracht
In den himmlischen Gefilden
Als die Sternchen hier zu bilden.
Durch dein sternenförmig Wesen
Gibst du mir, beliebte Blume,
Ein' Erinnerung zu lesen,
Daß wir seiner nicht vergessen,
Sondern in den schönen Werken
Seine Gegenwart bemerken,
Seine weise Macht ermessen
Und sie wie in jenen Höhen
So auf Erden auch zu sehen.

Barthold Hinrich Brockes (1680 - 1747), Dr. jur. Dr. phil., deutscher Dichter, 1720 wurde er Ratsherr in Hamburg, er trat 1724 der Patriotischen Gesellschaft bei, 1728 wurde er Stadtrichter, zwei Jahre später Landrichter, ab 1742 war er erster Landherr von Hamm und Horn

Der Frühling

Ich will, vom Weine berauscht, die Lust der Erde besingen,
Ihr Schönen! eure gefährliche Lust,
Den Frühling, welcher anitzt, durch Florens Hände bekränzet
Siegprangend unsre Gefilde beherrsche.
Fangt an! ich glühe bereits; fangt an, holdselige Saiten!
Entzückt der Eccho begieriges Ohr!
Tönt sanft durchs ruhige Thal! da lauschen furchtsame Nymphen,
Nur halb durch junge Gesträuche bedeckt.
Wer kommt vom Hügel herab, voll unaussprechlicher Anmuth,
Dem Glanz die fröhlige Stirne bestrahlt,
Den Philomele begrüßt? Ihm düften frühe Violen;
Ihm grünt der Erde beschattete Schoos.
Wunsch meiner Muse, du kommst! O Frühling, Wonne, Dionens,
Du kommst, vom feurigen Amor umarmt!
Und Amors muthigeFaust schwingt siegbegierige Pfeile:
Die stolzen Sterblichen huldigen ihm.
Ein Schwarm der Freuden ereilt vor dir muthwillige Weste,
In Tänzen; welche die Flöte belebt:
Vor dir scherzt Hebe dahin:, es lachen lauere Lüfte
Dich, Kind der Sonne! gefälliger an.
Durchzeuch nicht länger, O Nord! verheerend unsre Gefilde!
Entfleuch nach ewigem Eise zurück:
Weil nun der schönere Lenz, den Zephyrs Fittige kühlen,
Siegprangend unsre Gefilde beherrscht!
Sie blühn, vom Thaue beperlt, und Anmuth lachet in allen
Es lacht die ganze smaragdene Flur,
In deren Arme so oft, bey frischer Bäche Geschwätze,
Der Schlaf mein williges Auge beschleicht.
Berg, Thal und Aue besät der Bluhmen prächtige Menge:
Voll Stolz auf ihre beliebte Gestalt,
Bückt sich doch iede daselbst vor dir, du Bluhme Lyäens,
Die süssem Scherze geheiliget ist!
Schmück itzt mein finsteres Haar! Wenn du mich, Rose! bekränzest,
Und Bacchus meine Gesänge beseelt:
Flieht schnell mein trauriger Ernst; da klingt die Laute bezaubernd
In meiner Muse geschäftigen Hand.
Sie selbst auch werde bekränzt, die nicht mehr schläfrige Laute:
Denn itzt (willkommen o liebliche Zeit!)
Erwacht der frohe Gesang, und ied' entschlafene Cyther
Ist auf erhabnere Töne bedacht:
Und auch die ganze Natur fühlt sich aufs neue begeistert,
Da sich die Sonne der Erde genaht;
Und iedes frostige Thal, so Wald, als grüne Gebürge
Sind reg, und alle Gefilde belebt.
Drum ist die Stille geflohn, auch aus dem heiligen Hayne;
Der Lärm regieret im heiligen Hayn
Bald rauscht ein fröhlicher Hirsch, der sich im Flusse gebadet,
Durch frischbethaute Gebüsche zurück:
Bald tönt durchs düstre Revier die Brunst unbändiger Heerden:
Wie girrt die zartere Taube so sanft!
Wie seufzt vom Laube bedeckt, Pandions einsame Tochter,
Wann kaum die nächtliche Stille beginnt!
Denn alles fühlet anitzt des Frühlings mächtige Triebe:
Nun hat der Liebe gefürchteter Arm
Was lauer Lüfte Gebiet uud Meer und Erde bewohnet;
Nur dich nicht, stolze Dorinde! besiegt.
Doch Amor bändige dich! Er kommt zum Kampfe gerüstet,
Und hat die blutige Sehne gespannt,
Wie will ich seine Gewalt, bey frohem Weine, besingen,
Wann du einst seine Triumphe gemehrt!

Johann Peter Uz (1720 - 1796), deutscher Justizratssekretär, Dichter, Anakreontiker, dessen gesellig-graziöse Lyrik einen heiteren Lebensgenuss preist; bekannt auch durch sein komisches Epos »Der Sieg des Liebesgottes«

Frühlings-Seufzer

Großer Gott, in dieser Pracht
Seh' ich Deine Wunder-Macht
Aus vergnüg'ter Seelen an.
Es gereiche dir zu Ehren,
Daß ich sehen, daß ich hören,
Fühlen, schmecken, riechen kann!

Barthold Hinrich Brockes (1680 - 1747), Dr. jur. Dr. phil., deutscher Dichter, 1720 wurde er Ratsherr in Hamburg, er trat 1724 der Patriotischen Gesellschaft bei, 1728 wurde er Stadtrichter, zwei Jahre später Landrichter, ab 1742 war er erster Landherr von Hamm und Horn