75 Zitate und 3 Gedichte über Scheinheiligkeit, Schein.

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Scheinheiligkeit

Eine Predigt möchte ich mal wieder hören…
ich begeb' mich zur Kirche und scheine zu stören…
Die Blicke sind alle auf mich gebannt…
trage ich gar ein »unchristlich« gewand???

Nein, ich möchte jetzt die Predigt vernehmen…
schaut weg, was ist das für ein benehmen???
Wann hören sie auf, mich anzustarren???
Befinde ich mich im zoo voll narren???

Als die zermürbende Predigt beendet,
und man aufhört zu beten,
Beginnen die Christen äußerst »christlich«
über kleider zu reden…

Vielleicht brauchen sie Ruhe
und beginnen später zu grübeln…
Denke ich besinnlich und wandle
zum »erlöser von übeln«.

Doch der ist mit Geldzählen
für arme seelen beschäftigt
Und hat keine Zeit.
edel, zuvor hat er manch arme seel' gekräftigt,
Bloß wundere ich mich, weswegen er schreit???

Und um der Sache auf den Grund zu gehen, lasse ich nicht locker,
das möcht' ich gestehen
Dabei setze ich mich zweieinhalb Stunden lang auf einen Hocker.

Der »gute« Mensch wird plötzlich sanft
und wirkt erstaunlich nun entkrampft:
Meine liebe Schwester, höre ich ihn flöten,
vermag ich zu helfen dir aus deinen nöten???

Er predigt und schwatzt und weiß sooo viel:
der mensch hat's geschafft,
Der ist am Ziel…

Er weiß die Menschen zu Gott zu setzen,
und macht sich verständlich system daraus,
Mit seinen Nachtmützen und Talarrockfetzen
stopft er die lücken des weltenbaus
Und ekelt mich damit hinaus - welch Graus - !!!

© Claudia von Schill-Heine (*1957), deutsche Philosophin, Dozentin, Übersetzerin, Literaturkritikerin, Dichterin, Essayistin, schreibt auch Prosa, philosophische Abhandlungen, Romane und Märchen

Quelle: Schill-Heine, Deutschland – ein – Eisalptraum. höflich behandelte gedankenblitze, Désire & Gegenrealismus, 1981

Der Schein ist nicht vom Sein zu trennen,
solange es Licht gibt.

© Hans Ulrich Bänziger (*1938), Schweizer Psychologe und Schriftsteller

Quelle: Bänziger, Überhaupt und kopfunter. Aphorismen und Gedanken, 2009