581 Zitate und 7 Gedichte über Staat, Volk.

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In einem gewissen Sinne ist es wahr, wenn man sagt, daß alle Welt in der Täuschung ist; denn obgleich die Meinungen des Volkes verständig sind, so sind sie es doch nicht in seinem Kopfe, weil es glaubt, daß die Wahrheit da sei, wo sie nicht ist. Die Wahrheit ist wohl in ihren Meinungen, aber nicht auf dem Punkt, wo sie sich denken.

Blaise Pascal (1623 - 1662), französischer Religionsphilosoph und Naturwissenschaftler, Begründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung

Quelle: Pascal, Gedanken über die Religion und einige andere Gegenstände (Pensées sur la religion et sur quelques autres sujets), 1656-1662. Erstdruck 1669/1670, u. a. übersetzt von Karl Adolf Blech 1840

Ein Staatswesen hat nur so lange Berechtigung, als es eine große Idee zu verkörpern gewillt ist: Idee der Freiheit, der Volksverbindung, der Kulturvermittlung …

Jakob Bosshart (1862 - 1924), Schweizer Schriftsteller und Philologe

Quelle: Bosshart, Bausteine zu Leben und Zeit. Zus.gestellt und hg. v. Elsa Bosshart-Forrer, 1929

Der Staat zeigt sich nur selten dazu fähig, den Einzelnen für das Opfer zu entschädigen, das er von ihm gefordert hat.

Sigmund Freud (1856 - 1939), eigentlich Sigismund Schlomo Freud, öster. Psychiater und Begründer der Psychoanalyse

Quelle: Freud, Zeitgemäßes über Krieg und Tod, 1915

Der Staat

Ich habe meinen eigenen Staat gegründet.
In der Ecke meines Zimmers.
Und diesem Staat habe ich Frieden und
Gerechtigkeit und Wahrheit versprochen.
Und wenn ich in der Ecke sitze und einen Tee trinke
und über die Welt nachdenke und über Freunde und über das Leben
und über die Liebe, dann funktioniert dieser Staat
und die ganze Welt liebt Ihn und will Freundschaft mit ihm.
Und ich weiß: Für den Mensch ist alles Gute möglich!

Ich habe meinen eigenen Staat gegründet.
In der Ecke meines Zimmers.
Und diesem Staat habe ich das Wunder versprochen:
Freundschaft mit allen Nachbarstaaten,
Freundschaft mit allen Menschen, die ihn besuchen,
Freundschaft mit allen Gesetzen, die er beschließt.
Und wenn ich in der Ecke sitze und mit Nachbarn rede
und ein Buch lese und das Leben verstehen will und
den Menschen und Gott, dann funktioniert dieser Staat.
Und all die anderen Staaten lieben ihn.
Und ich weiß: Für den Mensch ist alles Wahre möglich!

Ich habe meinen eigenen Staat gegründet.
In der Ecke meines Zimmers.
Ich dacht mir: Sei Dein eigener Politiker!
Dann hältst Du alle Versprechen!
Dann kannst Du wirklich Frieden schaffen!
Und zeigen, dass es Ehrlichkeit gibt und Größe und Wahrheit.
Und wenn ich in der Ecke sitze und die Stille geniesse,
dann sehe ich das Leben neu und liebe alles, was ich denke.
Und liebe alles, was ich plane. Und liebe alles, was ich will.
Und bin ohne jede Gefahr für die Welt.
Und weiß: Nichts kann diesen Staat zerstören!

© Klaus Lutz (*1956)

Wenn wir zulassen, dass die Nation aus Schurken besteht, so ist es, wie Emerson schon längst sagte, eine Ungezieferfrage: "Je mehr um so schlimmer."

John Ruskin (1819 - 1900), englischer Schriftsteller, Maler, Kunsthistoriker, Sozialökonom und Sozialreformer

Quelle: Ruskin, Aphorismen zur Lebensweisheit. Eine Gedankenlese aus den Werken des John Ruskin. Aus dem Englischen übersetzt und zusammengestellt von Jakob Feis, J. H. Ed Heitz (Heitz und Mündel), Straßburg o.J. [1901]. Aus: Ruskin, Time and Tide, 1872

Das Wort Staatskörper ist sehr passend gewählt; denn man hat bis jetzt wenig daran gedacht, auch Seele hineinzubringen.

Johann Gottfried Seume (1763 - 1810), deutscher Schriftsteller, unternahm 1801/02 seine berühmte Fußreise nach Sizilien (»Spaziergang nach Syrakus«)

Quelle: Seume, Apokryphen, 1806/07; erster vollständiger Druck in: Prosaische und poetische Werke, Berlin 1869

Staatskultur: Broschürenkunst.

© Heimito Nollé (*1970), Medienanalyst

Quelle: Nollé, Randgut. Aphorismen und Kurztexte, Brockmeyer Verlag, Bochum 2016. Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Macht.Besitz