144 Zitate und 5 Gedichte über Täuschung.

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Die Natur selbst ist eine Betrügerin: Sie macht dem Menschen das Leben liebenswert oder erträglich durch nichts anderes als durch Einbildung und Täuschung.

Giacomo Leopardi (1798 - 1837), ital. Dichter, Essayist und Philologe, bedeutender Erneuerer der italienischen Literatursprache

Quelle: Leopardi, Gedanken (Pensieri), 1845, übersetzt von Dr. Richard Peters, Hamburg-Bergedorf 1928

Täuschung

Das Käuzlein traurig ruft in öder Felsenritze
Und grüßt mit seinem Lied des Himmels wilde Blitze.

Als wie ein schwarzer Aar, des Flügel Feuer fingen,
So schlägt die schwarze Nacht die feuervollen Schwingen.

Es glänzt die Regenflut, der finstern Nacht entsunken,
Manchmal im Wetterschein wie diamantne Funken.

So kann in banger Nacht ein Strom von heißen Zähren
Im hellen Wetterschein des Unglücks sich verklären.

Verfangen in der Schlucht, die lauten Winde rasen,
Die zu der Wolkenschlacht die Riesentuba blasen.

Mit Stimmen mannigfalt hör ich den Gießbach klingen,
Wie Donner, Kauz und Wind scheint er zugleich zu singen. –

Doch nein! mich täuscht mein Sinn, als ob zum Wettergrimme
Mit kläglichem Geschrei das Felsenkäuzlein stimme;

Daß Wolkenschlachtmusik die lauten Winde keuchten,
Und daß der Blitz geflammt, den Regen zu beleuchten;

Und daß der Felsenbach den Wetterstimmen allen
Antworten will zugleich in dumpfen Widerhallen.

Einsame Klagen sinds, weiß keine von der andern,
Wenn sie zusammen auch im wilden Chore wandern.

Drum ist die Erde ja ums Paradies betrogen,
Daß ihre Luft ertönt von dunklen Monologen.

Wenn alle Klagen einst in diesen Erdengründen,
Was jede heimlich meint, einander sich verstünden:

Dann wäre ja zurück das Paradies gewonnen,
In einen Freudenschrei das Klaggewirr zerronnen. –

Trotz allem Freundeswort, und Mitgefühlsgebärden,
Bleibt jeder tiefe Schmerz ein Eremit auf Erden.

Nikolaus Lenau (1802 - 1850), eigentlich Nikolaus Franz Niembsch, Edler von Strehlenau, österreichischer Dichter und melancholischer Lyriker

Quelle: Lenau, N., Gedichte. Zwischen 1835 und 1837

Man täuscht sich öfter als andere.

© Michael Richter (*1952), Dr. phil., deutscher Zeithistoriker und Aphoristiker

Quelle: Richter, Wortburg. Aphorismen, Books on Demand 2013

Einer kann einen anderen vielleicht täuschen, niemand jedoch täuscht sich selbst.

Plinius der Jüngere (um 61 - um 113), Gaius Plinius Caecilius Secundus, römischer Politiker und Schriftsteller, von seinem Onkel Plinius dem Älteren adoptiert

Quelle: Plinius der Jüngere, Lobrede auf den Kaiser Traian (Panegyricus). Übers. Aphorismen.de
Originaltext: Alius enim fortasse alium, ipsum se nemo deceperit

Der Mensch selbst aber hat einen unbesiegbaren Hang, sich täuschen zu lassen […].

Friedrich Nietzsche (1844 - 1900), Friedrich Wilhelm Nietzsche, deutscher Philosoph, Essayist, Lyriker und Schriftsteller

Quelle: Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, 1873

Getäuscht werden wir vom Anschein des Richtigen.

Horaz (65 - 8 v. Chr.), eigentlich Quintus Horatius Flaccus, römischer Satiriker und Dichter

Quelle: Horaz, Die Dichtkunst (Ars poetica = Epistula ad Pisones). 25. Übers. Aphorismen.de
Originaltext: Decipimur specie recti