159 Gedichte über Tod, tot.

Daß wir erschraken, da du starbst, nein,
daß dein starker Tod uns dunkel unterbrach,
das Bisdahin abreißend vom Seither:
das geht uns an; das einzuordnen wird
die Arbeit sein, die wir mit allem tun.

Rainer Maria Rilke (1875 - 1926), René Karl Wilhelm Johann Josef Maria, österreichischer Erzähler und Lyriker

Aus dem Requiem für Paula Modersohn-Becker, geschrieben in Paris, 31. Oktober bis 2. November 1908

Rasch tritt der Tod den Menschen an,
Es ist ihm keine Frist gegeben,
Es stürzt ihn mitten in der Bahn,
Es reißt ihn fort vom vollen Leben,
Bereitet oder nicht, zu gehen,
Er muß vor seinen Richter stehen!

Friedrich von Schiller (1759 - 1805), Johann Christoph Friedrich, deutscher Arzt, Dichter, Philosoph und Historiker; gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker und Lyriker

Quelle: Schiller, Wilhelm Tell, 1802-1804. 4. Akt, 3. Szene, Barmherzige Brüder. Originaltext

Der Todesengel

Am Morgen war es, daß ein Mann voll Gram
zur Halle Salomos gelaufen kam,
bleich sein Gesicht vor Furcht, die Lippen blau.
"Was hast du Meister?" fragte Salomo.
Er sprach: "Der Todesengel Azrael
warf einen Blick voll Haß und Zorn auf mich!"
Er sagte: "Nun, so wünsche, was du willst!"
Der bat: "Befiehl dem Wind, o Seelenhort,
daß er von hier nach Indien mich bringe -
vielleicht entgeh ich dort des Todes Schlinge!"
Dem Wind gab er Befehl, ihn rasch zu tragen
Ins tiefste Indien über Land und Meer.
Am nächsten Tag, zur Zeit der Audienz
befragte Salomo dann Azrael:
"Was blicktest du den Menschen an voll Zorn,
daß er so ganz verstört und flüchtig ward?"
Er sprach: "Nicht zornig blickte diesen Mann ich an,
war nur verwundert, ihn allhier zu sehn,
denn gerade hatte Gott mir ja befohlen,
ihn allsogleich in Indien zu holen.
Erstaunt dacht ich: Hätt er auch hundert Schwingen,
wie sollten sie ihn nur so schnell nach Indien bringen?"

Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (1207 - 1273), zählt zu den bedeutendsten persischsprachigen Dichtern des Mittelalters und gilt als Mitbegründer der islamischen Mystik. Geboren in Balch im heutigen Afghanistan, lebte und wirkte er lange bis zu seinem Tod in Konya, der heutigen Türkei. Zu Zeiten Rumis wurde Anatolien im islamischen Raum, bezogen auf das Byzantinische Reich, als Rum (“[Ost-] Rom”) bezeichnet, daher der Beiname Rumi (Römer). Der Mevlevi-Derwisch-Orden geht auf ihn zurück; von seinen Derwischen und späteren Anhängern wird er Mevlana (Herr/Meister) genannt.