176 Gedichte über Tod, tot.

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Die zwei Sensen

Das reife Feld, wer heimst es ein,
Wer nimmt ihm seine Bürde ab,
Wer bringts zur Ruh im Abendschein,
Bereitet ihm das Wintergrab?

Und all die Blumen fallen mit,
Die, weiß und rot und gelb und blau,
Erzittern vor dem Schnitterschritt,
Wenn er beginnt im Morgengrau.

Das dacht ich im Vorübergehn,
Als ich den reichen Segen sah.
Und leise kam ein sanftes Wehn,
Klang wie Misericordia.

Am andern Morgen, noch vor Tag,
Als wieder ich vorüberging,
Hört ich den ersten Sensenschlag,
Der scharf einblitzte wie zum Ring.

Ein alter Bauer, Ackerzucht,
Mit weißem Haar und weißem Bart,
Schlägt in den Roggenstrich mit Wucht,
Sein Auge mustert streng und hart.

Nur selten kommandiert er Stop
Und wischt sich von der Stirn den Schweiß,
Dann mäht er wieder grad und grob,
Die Sonne wütet juliheiß.

Schon geht der dritte Tag zu End,
Ein letztes Fleckchen steht noch da.
Wo schwach die Abendsonne brennt,
Klingts leis Misericordia.

Nun holt er aus, die Sense singt,
Da still – wer ist der andre Mann,
Der hinter ihm die Sense schwingt?
Das ist der große Welttyrann.

Der Alte stürzt dahingerafft,
Denn Mensch, wie Frucht sind Erntegut.
Tief aus der Erde quillt die Kraft,
Und in die Erde tropft ihr Blut.

Indessen bammelt sich der Tod
Ein Sternblümchen ans Beckenbein
Und bummelt, todesunbedroht,
Gemächlich durch die Felderreihn.

Detlev von Liliencron (1844 - 1909), eigentlich Friedrich (Fritz) Adolf Axel Freiherr von Liliencron, deutscher Lyriker des Impressionismus und Naturalismus

Der Todesengel

Am Morgen war es, daß ein Mann voll Gram
zur Halle Salomos gelaufen kam,
bleich sein Gesicht vor Furcht, die Lippen blau.
"Was hast du Meister?" fragte Salomo.
Er sprach: "Der Todesengel Azrael
warf einen Blick voll Haß und Zorn auf mich!"
Er sagte: "Nun, so wünsche, was du willst!"
Der bat: "Befiehl dem Wind, o Seelenhort,
daß er von hier nach Indien mich bringe -
vielleicht entgeh ich dort des Todes Schlinge!"
Dem Wind gab er Befehl, ihn rasch zu tragen
Ins tiefste Indien über Land und Meer.
Am nächsten Tag, zur Zeit der Audienz
befragte Salomo dann Azrael:
"Was blicktest du den Menschen an voll Zorn,
daß er so ganz verstört und flüchtig ward?"
Er sprach: "Nicht zornig blickte diesen Mann ich an,
war nur verwundert, ihn allhier zu sehn,
denn gerade hatte Gott mir ja befohlen,
ihn allsogleich in Indien zu holen.
Erstaunt dacht ich: Hätt er auch hundert Schwingen,
wie sollten sie ihn nur so schnell nach Indien bringen?"

Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (1207 - 1273), zählt zu den bedeutendsten persischsprachigen Dichtern des Mittelalters und gilt als Mitbegründer der islamischen Mystik. Geboren in Balch im heutigen Afghanistan, lebte und wirkte er lange bis zu seinem Tod in Konya, der heutigen Türkei. Zu Zeiten Rumis wurde Anatolien im islamischen Raum, bezogen auf das Byzantinische Reich, als Rum (“[Ost-] Rom”) bezeichnet, daher der Beiname Rumi (Römer). Der Mevlevi-Derwisch-Orden geht auf ihn zurück; von seinen Derwischen und späteren Anhängern wird er Mevlana (Herr/Meister) genannt.

Rasch tritt der Tod den Menschen an,
Es ist ihm keine Frist gegeben,
Es stürzt ihn mitten in der Bahn,
Es reißt ihn fort vom vollen Leben,
Bereitet oder nicht, zu gehen,
Er muß vor seinen Richter stehen!

Friedrich von Schiller (1759 - 1805), Johann Christoph Friedrich Schiller, ab 1802 von Schiller, deutscher Arzt, Dichter, Philosoph und Historiker; gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker und Lyriker

Quelle: Schiller, Wilhelm Tell, 1802-1804. 4. Akt, 3. Szene, Barmherzige Brüder. Originaltext