38 Zitate und 2 Gedichte über Unglücklich.

Der andere [Unglückliche] sucht beständig in der Erinnerung was er in der Hoffnung suchen sollte; die Zukunft hat er in Gedanken schon vorweggenommen, in der Phantasie erlebt, und so ist sie für ihn Erinnerung, während er sie doch erst hoffen sollte. Seine Hoffnung also liegt hinter ihm, seine Erinnerung vor ihm. Er lebt nicht nur rückwärts, sondern ist, sogar doppelt, verdreht. Daß er unglücklich ist, wird ihm bald zum Bewußtsein kommen, wenn er auch nicht versteht, warum er es ist; und damit es ihm nachdrücklich zum Bewußtsein komme, tritt auch noch das Mißverständnis hinzu, das auf die seltsamste Weise seiner spottet. Im täglichen Leben genießt er die Ehre für einen Menschen gehalten zu werden, der seine fünf Sinne noch hübsch beieinander hat; und doch weiß er: wollte er einem einzigen Menschen andeuten wie es mit ihm steht, so würde ihn der für verrückt erklären. Das ist zum Verrücktwerden; aber leider wird er es nicht. Sein Unglück ist, daß er zu früh zur Welt gekommen ist und deshalb immer zu spät kommt. Er ist immer ganz nahe am Ziel und im selben Augenblick weit weg davon; er entdeckt, daß gerade das was ihn unglücklich macht, weil er es hat, ihn einige Jahre vorher glücklich gemacht hätte, wenn er es gehabt hätte, aber ihn unglücklich machte, weil er es nicht hatte.

Søren Kierkegaard (1813 - 1855), Søren Aabye Kierkegaard, dänischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller

Quelle: Kierkegaard, Entweder – Oder. Ein Lebensfragment (Enten – Eller. Et Livs-Fragment), Erstdruck unter dem Pseudonym Victor Eremita 1843. Übersetzt von Christoph Schrempf und Wolfgang Pfleiderer, 1922

Der Himmel führt oft Unglückliche zusammen, daß beider Elend gehoben werde.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832), gilt als einer der bedeutendsten Repräsentanten deutschsprachiger Dichtung

Quelle: Goethe, J. W., Gedichte. Lila. Singspiel, 1777. Erstdruck Theater-Kalender auf das Jahr 1778

Ich bemerkte, daß die Unglücklichen den
Egoismus eines Spitalkranken haben.

Jules und Edmond de Goncourt (Jules: 1830 - 1870, Edmond: 1822 - 1896), französische Sozialromanciers, Kunstsammler, Kunst- und Kulturhistoriker, schrieben ihre Bücher gemeinsam, Edmond stiftete den Prix Goncourt

Quelle: Goncourt, Ideen und Impressionen (Idées et sensations), 1866 (dt. 1904)