1171 Zitate und 352 Gedichte mit dem Textinhalt 'vielleicht'.

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Das Lied von der Glocke

Vivos voco
Mortuos plango
Fulgura frango


Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden,
Frisch, Gesellen, seid zur Hand.
Von der Stirne heiß
Rinnen muß der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben,
Doch der Segen kommt von oben.

Zum Werke, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
Wenn gute Reden sie begleiten,
Dann fließt die Arbeit munter fort.
So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten,
Was durch die schwache Kraft entspringt,
Den schlechten Mann muß man verachten,
Der nie bedacht, was er vollbringt.
Das ists ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Daß er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.

Nehmet Holz vom Fichtenstamme,
Doch recht trocken laßt es sein,
Daß die eingepreßte Flamme
Schlage zu dem Schwalch hinein.
Kocht des Kupfers Brei,
Schnell das Zinn herbei,
Daß die zähe Glockenspeise
Fließe nach der rechten Weise.

Was in des Dammes tiefer Grube
Die Hand mit Feuers Hülfe baut,
Hoch auf des Turmes Glockenstube
Da wird es von uns zeugen laut.
Noch dauern wirds in späten Tagen
Und rühren vieler Menschen Ohr
Und wird mit dem Betrübten klagen
Und stimmen zu der Andacht Chor.
Was unten tief dem Erdensohne
Das wechselnde Verhängnis bringt,
Das schlägt an die metallne Krone,
Die es erbaulich weiterklingt.

Weiße Blasen seh ich springen,
Wohl! die Massen sind im Fluß.
Laßts mit Aschensalz durchdringen,
Das befördert schnell den Guß.
Auch von Schaume rein
Muß die Mischung sein,
Daß vom reinlichen Metalle
Rein und voll die Stimme schalle.

Denn mit der Freude Feierklange
Begrüßt sie das geliebte Kind
Auf seines Lebens erstem Gange,
Den es in Schlafes Arm beginnt;
Ihm ruhen noch im Zeitenschoße
Die schwarzen und die heitern Lose,
Der Mutterliebe zarte Sorgen
Bewachen seinen goldnen Morgen. –
Die Jahre fliehen pfeilgeschwind.
Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe,
Er stürmt ins Leben wild hinaus,
Durchmißt die Welt am Wanderstabe.
Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus,
Und herrlich, in der Jugend Prangen,
Wie ein Gebild aus Himmelshöhn,
Mit züchtigen, verschämten Wangen
Sieht er die Jungfrau vor sich stehn.
Da faßt ein namenloses Sehnen
Des Jünglings Herz, er irrt allein,
Aus seinen Augen brechen Tränen,
Er flieht der Brüder wilden Reihn.
Errötend folgt er ihren Spuren
Und ist von ihrem Gruß beglückt,
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmückt.
O! zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
Der ersten Liebe goldne Zeit,
Das Auge sieht den Himmel offen,
Es schwelgt das Herz in Seligkeit.
O! daß sie ewig grünen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!

Wie sich schon die Pfeifen bräunen!
Dieses Stäbchen tauch ich ein,
Sehn wirs überglast erscheinen,
Wirds zum Gusse zeitig sein.
Jetzt, Gesellen, frisch!
Prüft mir das Gemisch,
Ob das Spröde mit dem Weichen
Sich vereint zum guten Zeichen.

Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.
Lieblich in der Bräute Locken
Spielt der jungfräuliche Kranz,
Wenn die hellen Kirchenglocken
Laden zu des Festes Glanz.
Ach! des Lebens schönste Feier
Endigt auch den Lebensmai,
Mit dem Gürtel, mit dem Schleier
Reißt der schöne Wahn entzwei.
Die Leidenschaft flieht!
Die Liebe muß bleiben,
Die Blume verblüht,
Die Frucht muß treiben.
Der Mann muß hinaus
Ins feindliche Leben,
Muß wirken und streben
Und pflanzen und schaffen,[432]
Erlisten, erraffen,
Muß wetten und wagen,
Das Glück zu erjagen.
Da strömet herbei die unendliche Gabe,
Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,
Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.
Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im häuslichen Kreise,
Und lehret die Mädchen
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn Ende
Die fleißigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn.
Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden,
Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,
Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein
Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein,
Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer,
Und ruhet nimmer.

Und der Vater mit frohem Blick
Von des Hauses weitschauendem Giebel
Überzählet sein blühend Glück,
Siehet der Pfosten ragende Bäume
Und der Scheunen gefüllte Räume
Und die Speicher, vom Segen gebogen,
Und des Kornes bewegte Wogen,
Rühmt sich mit stolzem Mund:
Fest, wie der Erde Grund,
Gegen des Unglücks Macht
Steht mir des Hauses Pracht!
Doch mit des Geschickes Mächten
Ist kein ewger Bund zu flechten,
Und das Unglück schreitet schnell.

Wohl! Nun kann der Guß beginnen,
Schön gezacket ist der Bruch.
Doch, bevor wirs lassen rinnen,
Betet einen frommen Spruch!
Stoßt den Zapfen aus!
Gott bewahr das Haus.
Rauchend in des Henkels Bogen
Schießts mit feuerbraunen Wogen.

Wohltätig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,
Und was er bildet, was er schafft,
Das dankt er dieser Himmelskraft,
Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
Wenn sie der Fessel sich entrafft,
Einhertritt auf der eignen Spur
Die freie Tochter der Natur.
Wehe, wenn sie losgelassen
Wachsend ohne Widerstand
Durch die volkbelebten Gassen
Wälzt den ungeheuren Brand!
Denn die Elemente hassen
Das Gebild der Menschenhand.
Aus der Wolke
Quillt der Segen,
Strömt der Regen,
Aus der Wolke, ohne Wahl,
Zuckt der Strahl!
Hört ihrs wimmern hoch vom Turm?
Das ist Sturm!
Rot wie Blut
Ist der Himmel,
Das ist nicht des Tages Glut!
Welch Getümmel
Straßen auf!
Dampf wallt auf!
Flackernd steigt die Feuersäule,
Durch der Straße lange Zeile
Wächst es fort mit Windeseile,
Kochend wie aus Ofens Rachen
Glühn die Lüfte, Balken krachen,
Pfosten stürzen, Fenster klirren,
Kinder jammern, Mütter irren,
Tiere wimmern
Unter Trümmern,
Alles rennet, rettet, flüchtet,
Taghell ist die Nacht gelichtet,
Durch der Hände lange Kette
Um die Wette
Fliegt der Eimer, hoch im Bogen
Sprützen Quellen, Wasserwogen.
Heulend kommt der Sturm geflogen,
Der die Flamme brausend sucht.
Prasselnd in die dürre Frucht
Fällt sie, in des Speichers Räume,
In der Sparren dürre Bäume,
Und als wollte sie im Wehen
Mit sich fort der Erde Wucht
Reißen, in gewaltger Flucht,
Wächst sie in des Himmels Höhen
Rießengroß!
Hoffnungslos
Weicht der Mensch der Götterstärke,
Müßig sieht er seine Werke
Und bewundernd untergehen.

Leergebrannt
Ist die Stätte,
Wilder Stürme rauhes Bette,
In den öden Fensterhöhlen
Wohnt das Grauen,
Und des Himmels Wolken schauen
Hoch hinein.

Einen Blick
Nach dem Grabe
Seiner Habe
Sendet noch der Mensch zurück –
Greift fröhlich dann zum Wanderstabe,
Was Feuers Wut ihm auch geraubt,
Ein süßer Trost ist ihm geblieben,
Er zählt die Häupter seiner Lieben,
Und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt.

In die Erd ists aufgenommen,
Glücklich ist die Form gefüllt,
Wirds auch schön zutage kommen,
Daß es Fleiß und Kunst vergilt?
Wenn der Guß mißlang?
Wenn die Form zersprang?
Ach! vielleicht, indem wir hoffen,
Hat uns Unheil schon getroffen.

Dem dunkeln Schoß der heilgen Erde
Vertrauen wir der Hände Tat,
Vertraut der Sämann seine Saat
Und hofft, daß sie entkeimen werde
Zum Segen, nach des Himmels Rat.
Noch köstlicheren Samen bergen
Wir traurend in der Erde Schoß
Und hoffen, daß er aus den Särgen
Erblühen soll zu schönerm Los.

Von dem Dome,
Schwer und bang,
Tönt die Glocke
Grabgesang.
Ernst begleiten ihre Trauerschläge
Einen Wandrer auf dem letzten Wege.

Ach! die Gattin ists, die teure,
Ach! es ist die treue Mutter,
Die der schwarze Fürst der Schatten
Wegführt aus dem Arm des Gatten,
Aus der zarten Kinder Schar,
Die sie blühend ihm gebar,
Die sie an der treuen Brust
Wachsen sah mit Mutterlust –
Ach! des Hauses zarte Bande
Sind gelöst auf immerdar,
Denn sie wohnt im Schattenlande,
Die des Hauses Mutter war,
Denn es fehlt ihr treues Walten,
Ihre Sorge wacht nicht mehr,
An verwaister Stätte schalten
Wird die Fremde, liebeleer.

Bis die Glocke sich verkühlet,
Laßt die strenge Arbeit ruhn,
Wie im Laub der Vogel spielet,
Mag sich jeder gütlich tun.
Winkt der Sterne Licht,
Ledig aller Pflicht
Hört der Pursch die Vesper schlagen,
Meister muß sich immer plagen.

Munter fördert seine Schritte
Fern im wilden Forst der Wandrer
Nach der lieben Heimathütte.
Blökend ziehen
Heim die Schafe,
Und der Rinder
Breitgestirnte, glatte Scharen
Kommen brüllend,
Die gewohnten Ställe füllend.
Schwer herein
Schwankt der Wagen,
Kornbeladen,
Bunt von Farben
Auf den Garben
Liegt der Kranz,
Und das junge Volk der Schnitter
Fliegt zum Tanz.
Markt und Straße werden stiller,
Um des Lichts gesellge Flamme
Sammeln sich die Hausbewohner,
Und das Stadttor schließt sich knarrend.
Schwarz bedecket
Sich die Erde,
Doch den sichern Bürger schrecket
Nicht die Nacht,
Die den Bösen gräßlich wecket,
Denn das Auge des Gesetzes wacht.

Heilge Ordnung, segenreiche
Himmelstochter, die das Gleiche
Frei und leicht und freudig bindet,
Die der Städte Bau gegründet,
Die herein von den Gefilden
Rief den ungesellgen Wilden,
Eintrat in der Menschen Hütten,
Sie gewöhnt zu sanften Sitten
Und das teuerste der Bande
Wob, den Trieb zum Vaterlande!

Tausend fleißge Hände regen,
Helfen sich in munterm Bund,
Und in feurigem Bewegen
Werden alle Kräfte kund.
Meister rührt sich und Geselle
In der Freiheit heilgem Schutz.
Jeder freut sich seiner Stelle,
Bietet dem Verächter Trutz.
Arbeit ist des Bürgers Zierde,
Segen ist der Mühe Preis,
Ehrt den König seine Würde,
Ehret uns der Hände Fleiß.

Holder Friede,
Süße Eintracht,
Weilet, weilet
Freundlich über dieser Stadt!
Möge nie der Tag erscheinen,
Wo des rauhen Krieges Horden
Dieses stille Tal durchtoben,
Wo der Himmel,
Den des Abends sanfte Röte
Lieblich malt,
Von der Dörfer, von der Städte
Wildem Brande schrecklich strahlt!

Nun zerbrecht mir das Gebäude,
Seine Absicht hats erfüllt,
Daß sich Herz und Auge weide
An dem wohlgelungnen Bild.
Schwingt den Hammer, schwingt,
Bis der Mantel springt,
Wenn die Glock soll auferstehen,
Muß die Form in Stücken gehen.

Der Meister kann die Form zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,
Doch wehe, wenn in Flammenbächen
Das glühnde Erz sich selbst befreit!
Blindwütend mit des Donners Krachen
Zersprengt es das geborstne Haus,
Und wie aus offnem Höllenrachen
Speit es Verderben zündend aus;
Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten,
Wenn sich die Völker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.

Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte
Der Feuerzunder still gehäuft,
Das Volk, zerreißend seine Kette,
Zur Eigenhilfe schrecklich greift!
Da zerret an der Glocke Strängen
Der Aufruhr, daß sie heulend schallt
Und, nur geweiht zu Friedensklängen,
Die Losung anstimmt zur Gewalt.

Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,
Der ruhge Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher,
Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz,
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu,
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.
Gefährlich ists, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Weh denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
Und äschert Städt und Länder ein.

Freude hat mir Gott gegeben!
Sehet! wie ein goldner Stern
Aus der Hülse, blank und eben,
Schält sich der metallne Kern.
Von dem Helm zum Kranz
Spielts wie Sonnenglanz,
Auch des Wappens nette Schilder
Loben den erfahrnen Bilder.

Herein! herein!
Gesellen alle, schließt den Reihen,
Daß wir die Glocke taufend weihen,
Concordia soll ihr Name sein,
Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine
Versammle sie die liebende Gemeine.

Und dies sei fortan ihr Beruf,
Wozu der Meister sie erschuf!
Hoch überm niedern Erdenleben
Soll sie in blauem Himmelszelt
Die Nachbarin des Donners schweben
Und grenzen an die Sternenwelt,
Soll eine Stimme sein von oben,
Wie der Gestirne helle Schar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und führen das bekränzte Jahr.
Nur ewigen und ernsten Dingen
Sei ihr metallner Mund geweiht,
Und stündlich mit den schnellen Schwingen
Berühr im Fluge sie die Zeit,
Dem Schicksal leihe sie die Zunge,
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mächtig tönend ihr entschallt,
So lehre sie, daß nichts bestehet,
Das alles Irdische verhallt.

Jetzo mit der Kraft des Stranges
Wiegt die Glock mir aus der Gruft,
Daß sie in das Reich des Klanges
Steige, in die Himmelsluft.
Ziehet, ziehet, hebt!
Sie bewegt sich, schwebt,
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst Geläute.

Friedrich von Schiller (1759 - 1805), Johann Christoph Friedrich, ab 1802 von Schiller, deutscher Arzt, Dichter, Philosoph und Historiker; gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker und Lyriker

Quelle: Schiller, Friedrich, Gedichte. 1789-1805. Hier: 1799

Vergänglichkeit
I.
Des Lebens Karawane zieht mit Macht
Dahin, und jeder Tag, den du verbracht
Ohne Genuß, ist ewiger Verlust.
Schenk ein, Saki! Es schwindet schon die Nacht.
II.
Weißt du, warum bei jedes Frührots Schein
Der Hahn dich schreckt durch sein eindringlich Schrein?
Weil wieder eine Nacht vom Leben schwand,
Und du schläfst sorglos in den Tag hinein.
III.
Unter des Mondes wechselvollem Licht
Das Schicksal uns kein Morgenrot verspricht.
Drum trink im Schein des Monds, denn mancher Mond
Blickt auf die Erde einst und sieht uns nicht!
IV.
Geschlechter sind erglüht wie helle Funken,
Haben gelebt, geliebt, gehaßt, getrunken;
Sie leerten hier ein Glas und sind verlöscht,
Sind in den Staub der Ewigkeit versunken.
V.
Die goldnen Lichter, die am blauen Weltrad gehn,
Haben sich viel gedreht und werden viel sich drehn. -
Und wir, im ew'gen Kreislauf der Erscheinungen,
Kommen auf kurze Zeit, um wieder zu vergehn.
VI.
Was hat dies Weltrad nicht viel edles Blut vergossen!
Wie manche Blume welkt, die kaum der Erd' entsprossen!
Verlaß dich, Knabe, nicht auf deiner Jugend Glanz!
Wie manche Knospe fiel, ehe sie noch ward erschlossen!
VII.
In diesem Garten, der erstickt das Gute,
Bring ich mein Leben hin mit trübem Mute,
So wie die Knospe ist mein Herz beengt
Und wie die Tulpe rot von eignem Blute.
VIII.
Die Rose, die in meinem Garten stand,
Sprach: "Ich bin Joseph aus Ägyptenland."
"An welchem Zeichen", fragt' ich, "kenn ich das?"
Sie sprach: "An meinem blutigen Gewand."
IX.
Was hab' ich denn von all des Lebens Plagen? - Nichts!
Von aller meiner Müh' davongetragen? - Nichts!
Was nützt mir's, daß ein Licht ich war, wenn ich verbrannt?
Was nützt das Glas Djemschids, wenns doch zerschlagen? - Nichts!
X.
All unser Leben und Streben - was taugt's?
Und all unser Wirken und Weben - wer braucht's?
Im großen Schicksalsofen verbrennt
So vieles Edle und Gute - wo raucht's?
XI.
Wenn längst wir nicht mehr sind, wird sich dies Weltrad drehn,
Wenn unsre Spuren längst im Sand der Zeit verwehn.
Einst waren wir noch nicht -und 's hat nichts ausgemacht;
Wenn einst wir nicht mehr sind - wird's auch noch weitergehn.
XII.
Was kann das Leben uns denn nun noch weiter frommen?
Was es uns etwa bringt, wird uns auch gleich genommen! -
Wüßten die Ungebornen nur, wie wenig wir
Vom Leben ziehn - sie würden nicht erst kommen.
XIII.
War einst ein Schloß, das bis zum Himmel ragte,
Vor dessen Mauern Königsstolz verzagte,
Auf dessen Trümmern klagt jetzt des Täubchens Ruf,
Der klingt, als ob's nur wo, wo? wo, wo? fragte.
XIV.
Ein Vogel saß einst auf dem Wall von Tûs,
Vor ihm der Schädel König Keikawûs,
Und klagte immerfort: "Afssûs, afssûs!
Wo bleibt der Glocken und der Pauken Gruß?"
XV.
Der Töpfer in der Werkstatt stand
Und formte einen Krug gewandt,
Den Deckel aus eines Königs Kopf,
Den Henkel aus eines Bettlers Hand.
XVI.
O Töpfer, nimm dich etwas mehr in acht,
Behandle deinen Ton mit mehr Bedacht !
Du hast vielleicht den Finger Feriduns
Und Cyrus' Hand mit auf dein Rad gebracht.
XVII.
Einst schwebte dieser Krug, wie ich, in Liebesbangen,
In dunkler Locken Netz war er, wie ich, gefangen;
Und was am Hals des Krugs als Henkel du erblickst,
War eine Hand einst, die der Liebsten Hals umfangen.
XVIII.
Gestern zerschlug ich meinen Krug mit Wein
In meiner Trunkenheit an einem Stein.
Da sprach des Kruges Scherbe: "Wie du bist,
War ich, und wie ich bin, wirst du einst sein."
XIX.
Was predigst du vom Fasten und vom Beten?
Statt zur Moschee laß uns ins Weinhaus treten,
Füll Krug und Becher, eh' sie deinen Staub,
Khayyam, zu Krügen und zu Bechern kneten.
XX.
O komm, Geliebte, komm, es sinkt die Nacht,
Verscheuche mir durch deiner Schönheit Pracht
Des Zweifels Dunkel! Nimm den Krug und trink,
Eh' man aus unserm Staube Krüge macht.
XXI.
Dort auf dem Wiesengrün, vom Bach umflossen,
Sind tausend prächt'ge Blumen aufgeschossen.
Tritt leise auf das Grün! Wer weiß, ob's nicht
Aus einer Blumenwangigen Staub entsprossen! -
XXII.
Wo aus der Erde Tulpen rot entsprossen,
Ist sicher eines Königs Blut geflossen.
Und wo ein Veilchen aus der Erde blickt,
Hat einst ein holdes Auge sich geschlossen.
XXIII.
Nimm an, dein Leben sei ganz nach Wunsch gewesen - was dann?
Und wenn das Lebensbuch nun ausgelesen - was dann?
Nimm an, du lebtest in Freuden hundert Jahr -
Nimm mein'thalb an, es seien zweihundert gewesen - was dann?
XXIV.
Und lebtest du dreihundert Jahr und drüber noch hinaus,
Aus dieser Karawanserei mußt du einst doch hinaus.
Ob du ein stolzer König warst oder ob bettelarm,
Das kommt an jenem letzten Tag aufs selbe doch hinaus.
XXV.
Von allen, die den weiten Weg gemacht,
Hat keiner Nachricht noch zurückgebracht.
Laß nur nichts liegen in dieser Herbergswelt!
Nie kehrt zurück, wer sich erst aufgemacht.
XXVI.
Der Jugend Buch ist aus - und war doch kaum begonnen!
Kaum hat der Lenz geblüht, ist er auch schon verronnen.
Ich merkt' nicht, wie sie kam, noch wie sie flog davon,
Die holde Nachtigall, die Zeit der Jugendwonnen.
XXVII.
O Zeltmacher, dein Leib gleicht einem Zelt,
Der Sultan "Geist" nur kurze Rast drin hält.
Und wenn der Sultan sich zum Aufbruch schickt,
Dann kommt der Tod und bricht es ab, das Zelt.

Welträtsel

XXVIII.
Von dieser Erdenwelt scheid' ich nun ab,
Die kurze Zeit lang mir ein Obdach gab;
Von allen Rätseln ward mir keins gelöst,
Und tausend Zweifel nehm' ich mit ins Grab.
XXIX.
Als ich noch in der goldnen Jugend stand,
Schien mir des Daseins Rätsel fast bekannt
Doch jetzt, am Schluß des Lebens, seh' ich wohl,
Daß ich von allem nicht ein Wort verstand.
XXX.
Ich war ein Falke, den sein kühner Flug
Hinauf zum Reich der ew'gen Rätsel trug.
Dort fand ich keinen, der sie mir enthüllt,
Und kehrt zur Erde wieder bald genug.
XXXI.
Hoch überm Firmament sucht' ich die Quelle
Von Vorbestimmung, Paradies und Hölle.
Da sprach mein weiser Lehrer: "Freund, in dir
Allein sind Kismet, Paradies und Hölle."
XXXII.
Von dieses Weltrads Drehung verstand ich nichts,
Und außer Zweifeln darunter fand ich nichts.
Im Ringen nach Erkenntnis bracht' ich hin
Mein langes Leben - und doch erkannt' ich nichts.
XXXIII.
Was diesen goldnen Dom in Umlauf einst gesetzt,
Und wie sein stolzer Bau ins Wanken kommt zuletzt,
Hat keines Weisen Stein zu finden noch vermocht
Und keine Waage noch, kein Maßstab abgeschätzt.
XXXIV.
Kein Mensch erklärt die Rätsel der Natur,
Kein Mensch setzt einen Schritt nur aus der Spur,
Die seine Wesensart ihm vorschrieb, und es bleibt
Der größte Meister doch ein Lehrling nur.
XXXV.
Von diesem Kreis, in dem wir hier uns drehn,
Kann ich nicht Anfangspunkt, nicht Endpunkt sehn.
Noch keiner sagt' mir, wo wir kamen her,
Und keiner weiß, wohin von hier wir gehn. -
XXXVI.
Mit Schmerzen führt'st ins Dasein Du mich ein.
Das Leben gab mir nichts als lauter Pein,
Mit Widerstreben scheid' ich. - Sprich, was war
Der Zweck von meinem Kommen, Gehn und Sein?
XXXVII.
Was hat es Dir genützt, daß ich gekommen?
Was hilft's Dir, wenn Du einst mich fortgenommen?
Ach, keines Menschen Ohr hat je vernommen,
Wozu von hier wir geh'n, wozu hierher wir kommen.
XXXVIII.
Als Du das Leben schufst, schufst Du das Sterben:
Uns, Deine Werke, weiht'st Du dem Verderben.
Wenn schlecht Dein Werk war, sprich, wen trifft die Schuld?
Und war es gut, warum schlägst Du's in Scherben?
XXXIX.
Zuerst hatt' ich mein Ich noch nicht erkannt,
Zuletzt zerschneid'st Du des Bewußtseins Band.
Da dies von Anfang Deine Absicht war,
Was macht'st Du mich erst mit mir selbst bekannt?
XL.
Das Rätsel dieser Welt löst weder du noch ich,
Jene geheime Schrift liest weder du noch ich. -
Wir wüßten beide gern, was jener Schleier birgt,
Doch wenn der Schleier fällt, bist weder du noch ich.
XLI.
Könnt'st lebend du der Welt Geheimnis fassen,
Würd'st auch im Tod von diesem Hort nicht lassen.
Was lebend du nicht faß'st, wie willst du das
Erst fassen, wenn die Sinne dir erblassen?
XLII.
Die einen streiten viel um Glauben und Bekenntnis,
Die andern grübeln tief nach Wissen und Erkenntnis;
So wird es geh'n, bis einst der Ruf sie schreckt:
Es fehlt so euch wie euch zur Wahrheit das Verständnis.
XLIII.
Um Dogmen und Satzungen streiten die einen,
Die andern um Glauben oder Verneinen.
Wer sind nun die, denen die Wahrheit sich zeigt?
Die Antwort ertönt: sie zeigt sich keinem.
XLIV.
Der Welt Geheimnis wirst du nicht ergründen,
das Wort, das keiner fand, wirst du nicht finden.
Schaff dir mit Wein ein Erdenparadies!
Ob's dort ein Paradies gibt, wird sich finden.
XLV.
Von allen, die auf Erden ich gekannt,
Ich nur zwei Arten Menschen glücklich fand:
Den, der der Welt Geheimnis tief erforscht,
Und den, der nicht ein Wort davon verstand.

Lehre

XLVI.
In einem Arm den Krug, im andern den Koran,
Bald auf dem graden Weg, bald auf verbotner Bahn,
So bin ich unter dem türkisgewölbten Dom
Kein ganzer Heide und kein rechter Muselman.
XLVII.
Als Gott einst meinen Brei zurechtgegossen,
Ist Gut' und Böses mit hineingeflossen.
Drum kann ich wahrlich auch nicht besser sein,
Als Er mich selbst einst in die Form gegossen.
XLVIII.
Nach Regeln der Vernunft zu leben,
Ist zwar ein gar vergeblich Streben,
Doch Meister Schicksals flinke Hand
Schlägt tüchtig zu und lehrt uns leben.
XLIX.
Durch Heuchelei kannst du das Volk belügen,
Was Gott dir schickt, darein mußt du dich fügen;
Was du für List und Ränke auch ersinnst,
Was hilft's? Das Schicksal kannst du nicht betrügen.
L.
Der bin ich nicht, daß ich vorm Tode könnte beben;
Viel eher als vorm Tod bangt es mir noch vorm Leben.
Gott hat das Leben mir geliehn auf kurze Zeit,
Wenn er's zurückverlangt, bin ich's bereit zu geben.
LI.
Die Großen, die die Ämter all gepachtet
Und vor Begier nach Gold und Ehr' verschmachtet,
Die sehen den kaum als 'nen Menschen an,
Wer nicht, wie sie, nach Geld und Titeln trachtet.
LII.
Die keinen Schritt jemals vom Weg gemacht,
Die bis zum Morgen nie die lange Nacht
Im Suchen nach der Wahrheit durchgewacht,
Und manchen Braven um Leib und Ehr' gebracht.
LIII.
Laß Weise nur und Edle in dein Haus,
Nimm vor dem Toren meilenweit Reißaus.
Reicht dir ein Weiser Gift, so trink's getrost,
Reicht Gegengift ein Tor dir, gieß es aus!
LIV.
Der Menschen eitle Lust gleicht einem bösen Hunde,
Der durch sein leer Gebell uns stört zu jeder Stunde,
Fuchsartig schleicht und wie ein Hase schläft,
Mit Wolfestücke uns versetzt manch tiefe Wunde.
LV.
Solche Verbote, wo es ausgeschlossen,
Daß man sie einhält, sind denn das nicht Possen?
Ist das nicht so, als riefst Du: "Umgedreht
Den vollen Becher, doch nichts ausgegossen?"
LVI.
Du hast uns tausend Fallen aufgestellt
Und sprichst: "Verdammt ist der, der in sie fällt!"
Wir sündigen -und tun doch Dein Gebot,
Denn Dein Gebot beherrscht die ganze Welt.
LVII.
O Herr! von Selbstgefälligkeit erlöse mich!
Lenk mich zu Dir, und von mir selbst erlöse mich!
Solang ich nüchtern bin, kenn' Gut und Böse ich,
Vergessen laß im Rausch Du Gut und Böse mich.
LVIII.
Als gestern mich mein Fuß ins Weinhaus trug,
Sah einen trunknen Greis ich, den ich frug:
"Fürcht'st du dich nicht vor Gott?" Er aber sprach:
"Gott ist ja gnädig, trink! Du bist nicht klug."
LIX.
Khayyam! ob deiner Sünden Last was schämst du dich?
Warum zu beß'rer Einsicht nicht bequemst du dich?
Dem, der nicht sündigt, wird auch nicht verziehn;
Vergebung folgt der Sünde -drum was grämst du dich?
LX.
Warum denn nur den Weltlauf angeklagt?
Warum mit Grübeln nur das Herz zernagt?
Sei guter Dinge, denn man hat dich ja
Von allem Anfang nicht um Rat gefragt.
LXI.
Daß ich geboren ward, verdank' ich Deiner Huld,
Mein hohes Alter Deiner Langmut und Geduld.
Nach hundertjähr'gem Sündenleben will ich sehn,
Ob Deine Gnade größer oder meine Schuld.
LXII.
Ich hab' auf Deine Huld mich ganz und gar verlassen
Und Deiner Lehren Weg seit manchem Jahr verlassen.
Wo Deine Gnade strahlt, ist ja doch alles gleich:
Versäumt ist wie Geschehn, Getan wie Unterlassen.
LXIII.
Der Böses du getan und Gutes unterlassen
Und dich auf Gottes Huld und Gnade hast verlassen,
Glaub mir! trotz Gottes Huld ist doch am Jüngsten Tag
Versäumt nicht gleich Geschehn, Getan nicht Unterlassen.
LXIV.
O halt mir fern des Lebens bange Sorgen,
Mein böses Tun halt vor der Welt verborgen;
Laß heut mich glücklich sein, und was Dir dann
In Deiner Gnade gut dünkt - tu mir morgen.
LXV.
O Frömmler, einen Wunsch nur mir erfülle!
Spar deinen guten Rat und schweig mir stille.
Glaub mir, ich geh' gradaus, du siehst nur schief -
Drum laß mich gehn und kauf dir eine Brille!
LXVI.
Zu dem Propheten sollt ihr gehn und sagen:
"Es läßt Khayyam dich grüßen und dich fragen:
Wie kommt's, daß saure Milch du mir erlaubt
Und daß ich süßem Weine soll entsagen?"
LXVII.
Geht zu Khayyam und sagt, ich laß ihm sagen:
"Ein Tor nur kann so unvernünftig fragen.
Den Weisen trifft ja nicht mein Weinverbot,
Allein dem Toren mußt ich ihn versagen."
LXVIII.
Was heut hierher mich trieb? Ich sag' es unverhohlen:
Ich hatt' in der Moschee 'nen Betteppich gestohlen,
Der ist jetzt alt und schlecht, drum kam - ein seltner Gast -
Ich heute wieder her, 'nen neuen mir zu holen.
LXIX.
In Kirchen und Moscheen und Synagogen
Wird man um seiner Seele Ruh' betrogen.
Doch dem, der der Natur Geheimnis ahnt,
Wird keine Angst vorm jenseits vorgelogen.
LXX.
Kaaba und Götzenhaus bedeuten Knechtung,
Der Christen Glocken, hört, sie läuten Knechtung.
Kirche und heil'ge Schnur und Rosenkranz und Kreuz,
Wahrlich, sie alle nur bedeuten Knechtung.
LXXI.
Der ganzen Schöpfung letzter Zweck sind wir,
Im Weltenauge sind die Sehkraft wir.
Die ganze Welt ist wie ein großer Ring,
Wir sind der Edelstein, des Ringes Zier.
LXXII.
Der Tropfen weint: "Wie bin vom Meer ich weit!"
Das Weltmeer lacht: "Vergeblich ist dein Leid!
Sind wir doch alle Eins, sind alle Gott -
Uns trennt ja nur das winz'ge Pünktchen 'Zeit'-"
LXXIII.
War auch der Tugend Kleinod nicht das meine,
Strahlt' ich auch nicht in voller Sündenreine,
So zweifl' ich doch an Deiner Gnade nicht,
Nannt' ich doch niemals Zwei das ewig Eine.

Wein und Liebe

LXXIV.
Da nun einmal das Glück den meidet, der Verstand hat,
Und da man Toren nur im Glücke stets gekannt hat,
So trink, was den Verstand benimmt,
Das Glück nicht Sympathie mit deinem Unverstand hat.
LXXV.
Die Zeit des Frühtrunks rückt heran, o Schenke!
Zum Weinhaus führ mich hin, wohlan, o Schenke!
Was fruchtet jetzt noch frommer Rat, sei still,
Spar deine Sprüche und stoß an, o Schenke!
LXXVI.
Eh' dich die Sorgen ganz erschlagen haben,
Sollst du am rosenfarbnen Wein dich laben;
Du bist ja doch kein Gold, das man verscharrt,
Um es dann später wieder auszugraben!
LXXVII.
Mit Weltschmerz deine Seele plage nicht!
Um das, was einmal hin ist, klage nicht!
An Wein und süßen Lippen lab dein Herz,
Und in den Wind dein Leben schlage nicht!
LXXVIII.
Seit Mond und Venus ihre Bahnen gehn,
Hat man was Beßres nicht als Wein gesehn.
Mich wundert's nur, daß jemand Wein verkauft!
Was kann er Beßres denn dafür erstehn?
LXXIX.
Der Koran sagt, im Paradies sei Wein
Der Frommen Lohn und holde Mägdelein. -
Dann sei schon hier mir Lieb' und Wein erlaubt,
Wenn's droben doch dasselbe nur soll sein!
LXXX.
Ich trinke nicht aus bloßer Lust am Zechen,
Noch um des Korans Lehre zu durchbrechen,
Nur um des Nichtseins kurze Illusion! -
Das ist der Grund, aus dem die Weisen zechen.
LXXXI.
Der flüssige Rubin, der sich ergießt
Und lachend aus dem Hals der Flasche fließt,
Ist eines Herzens Blut - und der Krystall
Ist eine Träne, die ihn rings umschließt.
LXXXII.
Wenn Du mit meinem Elend Mitleid hast,
Nimm von der Schulter mir der Sünden Last!
Verzeih dem Fuß, der nach der Schenke strebt,
Verzeih der Hand, die nach dem Becher faßt!
LXXXIII.
Ich nahm mir endlich vor, nüchtern und fromm zu sein,
Und in mein Herze zog nun voller Friede ein.
Doch ach! die Frömmigkeit zerschellt' am ersten Krug,
Die Nüchternheit ertrank im ersten Becher Wein!
LXXXIV.
An jedem Tag nehm' ich mir vor aufs neue,
Daß ich das Trinken lasse und bereue;
Doch nun voll Rosenduft erschienen ist
Der holde Lenz - bereu' ich meine Reue.
LXXXV.
Heut ist der holde Tag nicht warm und kalt auch nicht,
Die Wolke wäscht der Welt ihr Blumenangesicht,
Ich hör' die Nachtigall, wie sie zur Rose spricht:
"Blüh auf und lieb und trink, eh' dich der Herbstwind bricht."
LXXXVI.
Was dir die Zukunft bringt, das frage nicht,
Und die vergangne Zeit beklage nicht.
Allein das Bargeld "Gegenwart" hat Wert,
Nach dem, was war und sein wird, frage nicht.
LXXXVII.
Mach's wie die Tulpe, schwing zum Neujahrsfest
Den Purpurkelch! - und bring des Jahres Rest
Mit einer tulpenwangigen Maid dahin,
Eh' dich des Schicksals Glut verwelken läßt.
LXXXVIII.
Ein Liederbuch, ein Brot, ein irdner Krug voll Wein,
Vom Lamm ein Schenkelstück -und dann so ganz allein
In weiter Flur mit dir, du tulpenwang'ge Maid,
Ein Sultan möchte wohl an meiner Stelle sein!
LXXXIX.
O weh um jenes Herz, in dem kein Feuer brennt
Das nicht die hehre Glut der Liebessonne kennt;
Wer einen ganzen Tag ohn' Liebe hingebracht,
Tut recht, wenn jenen Tag er 'nen verlornen nennt.
XC.
Wahrhaft Verliebten ist Schön und Häßlich gleich;
Sie fragen nicht, ob Höll', ob Himmelreich,
Ob ihre Kleidung Lumpen oder Samt,
Ihr Pfühl ein Backstein oder Polster weich.
XCI.
Wenn ich einst sterbe, waschet mich mit Wein,
Ein lust'ges Trinklied soll mein Grablied sein!
Und wenn am Jüngsten Tag man nach mir fragt,
So sucht im Staub der Schenke mein Gebein.

Schlußworte

XCII.
Ich geh' dahin und laß die Welt zurück im Streit,
Und hatt' von hundert Perlen doch kaum eine aufgereiht. -
Unausgesprochen blieb so manches tiefe Wort,
Weil's doch niemals verstanden hätte meine Zeit.
XCIII.
Omar, der Zeltmacher, hat von früh bis spät
An manchem Zelt der Philosophie genäht,
Bis Schicksals Schere sein Lebensseil ihm kappt
Und Trödler Tod ihn um ein Nichts ersteht.

Omar Chayyām (1048 - 1131), eig. Ghiyath al-Din Abu'l-Fath Umar ibn Ibrahim Al-Nisaburi al-Khayyam, persischer Mathematiker, Astronom, Astrologe, Philosoph und Dichter

Meinem Vater

Du leichter Schatten, Wolkenschmetterling,
Ich fühle dich an meinen Wimpern hängen.
Der schwarze Schmerz, das dunkle Ding,
Begeistert mich zu strahlenden Gesängen.

Erhebt euch, Brüder, tanzt mit meinem Wort,
Ich will die Verse schön wie Frauenfüße setzen.
Ach, ich bin hier und dort
Von Sternen nur ein Pfützenglanz, vom Himmel nur ein Fetzen.

Ich deck mit diesem Tuche meine Blöße,
Nackt wandelt nur mein Kamerad, der Tod.
Er achtet mein Gesetz. Ich diene seiner Größe
Und opfre knieend ihm im Morgenrot.

Ich habe nie vermeint, mich selber zu erkennen.
Ich drehte oft am Karrn das fünfte Rad.
Zu Asche muß sich brennen
Die Flamme Mensch, die Gott entzündet hat.

Entzündet hat sie Gott, das Weib soll sie behüten.
Sie aber stellt das Feuer in den Wind.
Der bläst zu Rauch die roten Blüten
Der Mannheit, die wie Hyazinthen sind.

Ein jeder ist von einer Frau geboren,
Die einst ein Mann in seine Arme nahm.
Die Perlenkette reißt. Die Perlen sind verloren.
Und keiner kehrt zurück, woher er kam.

Und wünschte mancher, seiner Mutter
Im Mutterleib verstorbner Sohn zu sein.
Nun treibt es ihn wie einen steuerlosen Kutter
Ins blaue Meer der Menschlichkeit hinein.

Laßt uns die Segel nach den Winden hissen!
Und achtet auf der Möven Flug!
Sie ahnen nicht: sie wissen…
Und ihnen dünkt ihr weißes Sein genug…

Wer schließt das Herz bei göttlichen Gebeten,
Wer schließt die Augen, wenn die Sonne steigt?
Ich hasse euch, ihr höllischen Asketen,
Den grauen Kutten finster zugeneigt.

Ich schließe meine Blicke nur im Kusse,
Wenn das Entzücken tief ins Innre dringt
Und rauschend, gleich dem heiligen Flusse,
Aus Felsgestein die selige Quelle springt.

Da blinkt erhellt die magische Laterne,
Die uns verzaubert zu den Schatten schickt.
Die Nähe scheint zu nah, es scheint zu fern die Ferne,
Und nur der weise Wunsch beglückt.

Wir sind nicht Schatten mehr. Wir wurden zu Gestalten.
Der Töpfer knetet uns aus Ton.
Er meißelt in die Stirn uns dürre Falten
Und stellt uns auf den Markt für Hundelohn.

Wie können wir uns dieses Zwanges wehren?
Sieh: dieser Henkel hier am Krug von Lehm,
In dem wir das erstarrte Handwerk ehren,
Schlang sich als Arm um einen Nacken ehedem.

Du, der Du bist von keinem Mann gezeugt
Und der wie Duft steigt aus dem Saft der Reben:
Beug Dich vor mir, wie sich mein Knie vor Deinem Wahnsinn beugt.
Vergieb uns, wie wir Dir vergeben!

Ich bin kein Freund der funkelnden Moscheen,
Einsam such ich in Schenken meine Ziele.
Wann würde ich Dein wahres Antlitz sehn,
Wenn nicht im Weibesangesicht die Maske fiele?

Ich bin, o Gott, dein treuester Vasall,
Ich bin, o Geist, dein wildester Rebelle.
Ich bin dein Ziegenhirt, dein Seneschall,
Ich bin dein Fels, dein Turm und deine Schelle.

Ich bin der Tugend Glanz, des Lasters Stank.
Ich bin dein Priester und dein Trunkenbold.
Ich bin dein Fluch, dein Traum und dein Gesang,
Ich will, o Gott, weil du mich einst gewollt.

Du hast das Mahl für deinen Gast bestellt,
Pastete, Wein, Geflügel, die mich kirrten.
Ich hoffe, daß du auch in einer andren Welt
Den Fremdling gleichermaßen wirst bewirten.

Denn leugne nicht: ich bin dir fremder als
Die Krüge, die dort auf dem Bordbrett lehnen,
Und dennoch lieg ich weinend dir am Hals,
Und du, du segnest meine Tränen.

Ich kam, o Gott, zu spät auf diese Welt.
Ich darf mit Vorsicht nur noch Mensch mich nennen.
Ich bin ein abgemähtes Feld,
Auf dem die letzten Erntefeuer brennen.

Du fragtest nicht nach meinem Leid und Glück,
Und ob ich alles dies erdulden möchte.
Du stießest in den Urwald mich zurück,
Daß ich aus Palmenfasern mir mein Lager flöchte.

Dies Lager ist kein Teppich des Gebets.
Der Rücken schmerzt. Es fiebern die Gelenke.
Tönt abendlich der Sang des Minarets,
Streb ich bezaubert in die Schenke.

Ich neige bei der Frauen monotonen
Gesängen meine graugepflügte Stirn.
Ich weiß, wir armen Menschen wohnen
In einer Wildnis, die wir nicht entwirrn.

Ich will wohl brünstig an das Höchste glauben,
Wenn mir das Schicksal nicht den Glauben wehrt.
Doch rechne ich mich zu den Stumm- und Tauben,
Wenn mich ein Mörder ewiges Leben lehrt.

Einst floß die Sintflut über unsren Leibern,
Jetzt überfällt uns eine Flut von Wein.
Verschlaf des Lebens Nacht bei schönen Weibern
Und sauf, so wirst du deiner ledig sein.

Wie Ambra duften, Mädchen, deine Locken,
Und deine Lippen sind wie Blumen sanft.
Dein Haar steht gelb wie reifer Roggen
An deiner Stirne lilienweißem Ranft.

Jetzt will ich nur noch deinen Nacken küssen,
Der leichte Flaum ist doch wie blondes Schwert.
Ich habe immer Frauen lieben müssen,
Die ihre Wimpern dumpf zum Licht gekehrt.

Ich rannte kreuz und quer durch dieses Leben,
Ich sah zur Sonne und zum Mond.
Ich klebte fliegenklein in Spinnenweben
Und hab in Höhlen krötenfeucht gewohnt.

Doch sah ich nie Geschöpfe, die dir glichen,
O vierzehnjährige Frau!
Der Morgen ist vor deinem Glanz erblichen,
Mit deinen Tränen weint der Abendtau.

Vor deinem Wuchs krümmt sich die schlanke Fichte,
Vor deiner Weißglut scheint die Sonne kalt.
Mein Antlitz spaltet sich in viel Gesichte,
Und jedes spiegelt mich als Mißgestalt.

Und doch, wie viele Mädchen sind
Vor dir, mein Kind, schon auf der Welt gewesen.
Und immer wieder weht der Wind
Und neigen Frauen sich beim Ährenlesen.

Der Mond wird oft noch über den Syringen
Der Schwermut blasse Kerze nachts entzünden,
Gleich einem Diener dir den Leuchter bringen -
Er wird dich suchen und dich nicht mehr finden…

Ach, unterm Rosenstock, der blühend winkte,
Liegt ein enterbter König hingemeuchelt.
Der Krokos, der mit Weisheit dich beschwingte,
Gab seinen Blütenschatten nur geheuchelt.

So will ich lieber tausend Schwüre brechen
Als einen Krug, der noch zum Weine gut ist.
Komm, Bruder Gott, laß uns im Dunkel zechen!
Ich trinke deinen Geist, der rot wie Blut ist.

Es blüht in mir der grüne Garten Eden,
Die Hölle speit mich an mit Rauch und Ruß -
Den Händler gleich in den Arkadenläden
Setz ich auf Teppiche von Qual den Fuß.

In mir ist beides: Himmelreich und Hölle.
In mir ist Gott und Teufel, Lust und Qual.
Ich bin das Meer, ich bin die Quelle,
Ich bin der Leichnam, der Schakal.

Und dieser Krug, den ich am Munde halte:
Er ist ein Abbild andrer Krüge nur.
Das Neue wird so ganz und gar das Alte -
Und eine gleicht der andren Wagenspur.

Ich würde weinen, wenn ich Tränen hätte.
Die Grille zirpt. Ein fremder Vogel schreit.
Ich wälze ruhlos mich auf hartem Bette -
Vergänglichkeit - Vergänglichkeit…

Entsetzlichstes der Worte, das erfunden:
O daß ich morgen nicht mehr heute bin!
Ich rausche wie ein Fluß von Stund zu Stunden
Und bin am Ende schon kaum zu Beginn.

Dies lockt zum Laster: daß wir sterben müssen.
Was jubelt ihr von einem Jenseits doch?
Ich will vergehen unter Huriküssen,
Mich beugen unter schlanker Arme Joch.

Ich bin von einer Nacht zum Morgen wieder
Der leichte, lose Junge, der ich war.
Ich trage wie im Tanze meine Glieder,
Und Frühlingswinde rauschen durch mein Haar.

Wo ist die Traurigkeit der vielen Stunden?
Des Nebels graue Öde ist dahin.
Ich habe mir aus Sonnenstrahlen einen Strauß gebunden
Und diene einer milden Königin.

Ich trage ein Gestirn an meinem Ringe,
Das fiel vom Himmel als ein Edelstein.
An meinen Schultern glänzt Libellenschwinge,
Ich ströme selig über Au und Rain.

Wenn nachts das Dunkel Gram und Elend brütet,
Kehr ich erheitert in den Tag zurück.
Ich liege in der Wiege Welt, behütet
Von der Geliebten goldnem Mutterblick.

Es sprach der Scheik: Du liebst die schönen Mädchen;
Sie sind wie Rauch, und keiner kann sie haschen.
Ihr Herz rollt wie ein Spielzeug leicht auf Rädchen.
Komm trinken, Freund, tu Silber in die Taschen.

Der Engel der Verheißung naht dir dann
Mit blauen Flügeln, die dich leicht beschweren.
Er lehrt dich Wolke sein und Sonnenmann
Und Mohn und Rade unter edlen Ähren.

Er schlägt Gestein aus deiner harten Brust
Und türmt dich zu unendlichen Gebirgen.
Du saugst der Höhe reine Ätherlust
Und brauchst der Tiefe Stickluft nicht mehr würgen.

Was soll, sprach ich, dein aufgestecktes Wort?
Du scheinst ein anderer, Gaukler, als du bist.
Die Rebe ist in diesem Jahr verdorrt.
Das Korn steht dürr. An Regen fehlts und Mist.

Was nennst du mich Gebirg und Felsengrat?
Ich bin nur groß, weil ich so Großes leide.
Ich weiß mir selber keinen Rat,
Und du verlangst, daß ich auf Steinen weide?

Des Hochgebirgs Gedenken muß ich hassen,
Sein Anblick ist es, der die Seele steinigt,
Denn glaubte sie sich vom Geröll gereinigt,
Schon schwemmt ein Gießbach neue Kieselmassen.

Geängstigt scheut sie vor dem harten Treiben
Und flüchtet gemsengleich auf steile Flächen,
Da naht das Licht in heißen Strahlenbächen,
Und ach, sie kann nicht auf dem Gipfel bleiben.

Es schmilzt der Schnee, es schmilzt der Gram der Berge
Im Sonnenkuß des Frühlings liebend hin.
Wir aber sind wie steingeformte Zwerge,
Entbunden einer Träumerin.

Wir schmelzen nie. Wir leuchten angekettet
Am Sonnenwagen, Sklaven seinem Licht.
Und wer uns etwa rettet,
Er rettet unsere Kinder nicht.

Ich war ein Kind. Nun hab ich selbst ein Kind,
Ich heb es fröhlich aus der Taufe.
Ich schenk ihm meinen Mut als Angebind,
Und alle Liebe trage ich zu Haufe.

Mein Kind macht seinen ersten Gehversuch.
Es eilt von Tisch und Wand zu welchen Fernen.
Es hängt an meinem Bein, es stützt sich auf mein Buch,
Ich will mit meinem Kinde gehen lernen…

So wie der Teller, leicht gewölbt, die Last
Der süßen Früchte gern und willig trägt,
So bist auch du, von Farben wirr bewegt,
Ein rundes Etwas nur voll Rast und Hast.

Wie wild du in den Nordwind schreist und harfst:
Zufrieden sei, daß dich ein Licht bestrahlt,
Daß Gott ein wenig bunt dich angemalt,
Und daß du manchmal Früchte tragen darfst…

Auf Tafeln ist das Sein uns vorgeschrieben,
So daß uns nur der Weg des Rhythmus blieb.
Das andere heißt: hassen oder lieben,
Weil Gott die Zeile »du« schon längst zu Ende schrieb.

Als er mich schrieb, da zitterten die Hände,
Und seine Augen waren blind:
So bin ich denn an meines Lebens Ende
Wohl Greis, und doch als Greis ein Kind.

Ich bin der Stein am Ringe der Natur
Ich bin ihr Sinn, ihr Rat und ihr Gerät.
Der Hagel, der in meine Felder fuhr,
Ich hab ihn bei der Aussaat nicht gesät…

Die Menschheit liegt in einem steten Krieg,
Seitdem sie Gott in seinem Wahn geschaffen.
Ein jeder glaubt an seines Glaubens Sieg.
Ein jeder traut dem Trotze seiner Waffen.

Wir hauen mit den Schwertern auf uns ein,
Wir beißen uns wie Hunde ineinander.
Und Trost ist nur im Rausch, und Rausch ist nur im Wein
Und in der Liebe zärtlichem Selbander.

Und als den Feind ich warf in Staub und Sand,
Dem Tränen Blutes aus den Augen rannen,
Da sprach er leis: Du, der mich überwand,
O hebe, eh du fällst, dich doch von dannen!

Der du auf deiner Schwere nur beruhst,
Und eisern deine Faust ins Handwerk reckst:
Bedenke, wie du schlafend Träume tust
Und wie ein Hund der Herrin Hände leckst.

O wolle nicht die Schwachen überblitzen
Gewitternd und mit donnerndem Getön!
Wann scheuchte Gott von seiner Hand die Gnitzen?
Ein wenig Blut von ihm macht jedes Wesen schön.

Der Gott spielt Schach mit uns. Die schwarzen Felder
Des Brettes deuten Nacht, die weißen Tag.
Die Schwangerschaft ist unsres Spiels Vermelder,
Das am Geburtstag noch beginnen mag.

So stellt er König, Läufer, Dame, Bauer
In Tag und Nacht, ganz wie es ihm beliebt.
Hier steht ein dicker Turm auf seiner Lauer,
Ein Springer dort, der scheinbar Vorsprung giebt.

Schachmatt. Die Fahnen sinken von den Masten.
Und unwirsch wirft der Spieler das Gebein
Der knochigen Figuren in den Kasten
Und läßt das Spiel gewesen sein.

Ich geh betäubt zum abendlichen Mahle,
Mit Nebel der Erinnerung bekränzt,
Da naht der Engel mit der klaren Schale,
Der mir den dunklen Trank kredenzt.

Und als wir unsre Augen höher hoben,
Da glänzten sie ertrunken wie in Wein.
Die goldnen Ströme der Gestirne schnoben
Zu unsren Füßen leopardenklein.

Die Kröten krochen mit azurnen Bäuchen,
Die Tannen weinten weißen Morgentau,
Und aus den Teichen, Wolken und Gesträuchen
Trat blau der Himmel, sanft wie eine Frau.

Die Sonne raste an der dunklen Kette.
Uns aber fror die Zunge, daß sie schwieg.
Und gläsern funkelte und klang die Mette
Und salbte uns mit ewiger Musik.

Am Morgen wacht man auf. Man schlendert in Bazare,
Kauft einen Teppich oder zwei.
Betrachtet die und lobpreist jene Ware
Und also geht der Tag vorbei.

Man eilt zur gleichen Tür hinaus,
Durch die des Händlers Bude man betreten.
Ein altes Blumenmädchen reicht uns einen Strauß.
Man fragt: Woher? Wohin? Von welchen Beeten?

Der Veilchen, Nelken, Rosen, Anemonen
Schwüle Gerüche uns wie Sklaven fächeln.
Und wie wir das verhärmte Weib entlohnen,
In ihren Augen blitzt ein Dirnenlächeln.

Ich bin ein kleines Licht und brenne in den Schenken,
Am rechten Ort, verwahrt vorm Windeswehn,
Ich bin nicht Ampel über heiligen Bänken,
Ich wär ein Nichts im Glanze der Moscheen.

Ich ehre den Koran. Und mir gefällt sein Wesen;
Doch hat sein Studium wenig mir genützt.
Ich muß von Zeit zu Zeit die Verse lesen,
Die in den Rand der Krüge eingeritzt.

Warum hat Mohammed den süßen Wein verboten,
Den sauren Yoghurt doch erlaubt?
Ich sandt durch alle Himmel einen Boten
Mit Weinlaub schön behängt das junge Haupt.

Der Bote kam zurück. Sein Lächeln sah ich winken:
Mohammed meint, es habe keine Not.
Du darfts, o Omar, ewig darfst du trinken,
Da er den Toren nur den Wein verbot.

Bin ich ein Tor? Der Weisheit leichte Zelte,
Ich nähte schwer an ihnen mondelang.
Da kam ein Sturmwind, brüllend, und er fällte
Das Werk der Hände, das die Nacht verschlang.

Nun sitz ich nächtlich unter freiem Himmel
Und sehne mich nach deinem Stern, Saturn.
Und meine Seele weidet wie ein Schimmel
Auf dürrem Ödland mit verhaltnem Murrn.

Die sieben Tore öffnen ihre Flügel,
Und die Planeten wandeln ihre Bahn.
Schon führt der Morgen sein Gespann am Zügel
Und hinterm Hause kräht der Hahn.

Das Licht singt seine flammenden Gesänge,
Im rasenden Zenith, im sinkenden Nadir.
Da ich als Taube flog, geriet ich in des Greifen Fänge.
Nun trag ich seiner Krallen Mal an mir.

Ich darf euch das Geheimnis nicht vertrauen,
Nicht dir, mein schönes Kind, und nicht dem wertsten Freund.
Ich stehe blind vor allen schönen Frauen;
Ich bin ein Bettler, der durchs Weltall streunt.

Mein Gott, du warfst mir Münzen in die Mütze.
Die Mütze war verfilzt und zeigte Loch bei Loch.
Das Gold fiel in die Pfütze
Und liegt wohl in der Pfütze noch.

Ich bin zu stolz, es aus dem Dreck zu heben.
Ich will den Lohn aus deiner eignen Hand.
Ich will, o Gott, mein Leben
Und nicht ein fremdes zugewandt.

Als gestern ich mit den Kumpanen zechte,
Da blies der Abendwind die Kerzen aus.
Das Dunkel hing ins Haus wie eine Flechte,
Und unsre Augen sahen Gram und Graus.

Da schlugest du in dem entrückten Dunkel
Den Krug mir aus der fest gekrampften Faust.
Der Wein vergoß sich nieder mit Gefunkel.
Ich stand im Nichts, vom Tränenstrom umbraust.

Was nahmst du mir den Wein? Und löschtest die Laterne?
Spannst du auch mich an deinen Pflug? -
Es sprach ein Geist aus einer hohen Ferne:
Omar, du selbst zerschlugst den Krug.

Du warst von Liebe und von Freundschaft trunken
(Von Liebe doch und Freundschaft nicht allein…)
Da bist du in den Staub gesunken
Und fraßest Erde tief in dich hinein. -

Ich will die Trunkenheit dir zugestehen.
Ich brenne ewig, da ich mal entbrannt.
Die Sterne, die in deinem Hause stehen,
Sind Fackeln, die ich einst Dir zugesandt.

Du wirst das Paradies für mich verwahren,
Die schöne Huri, die so ruhlos schweift.
Dann, Herr, kehr ich vielleicht nach vielen Jahren
In ein Herz zurück, das mich begreift.

O laß mich sterben, Herr, ich bin ein toter Mann,
Was nützt mir noch ein weiteres Jahrhundert?
Fing ich noch einmal an, stürb ich noch einmal dann,
Dein Fangballspiel hat Omar nie bewundert.

Ich will die Stunden meines späten Tods
Mit den Geliebten und den Freunden bechern;
Dann tragt mich beim Gesang des Abendrots
Nach meines Hauses innersten Gemächern.

Dort steht ein Sarg aus härtestem Metall,
Legt mich hinein und wollt ihn gut verschließen,
Daß Frauenkuß und Früchtefall,
Des Seins Geräusche mich im Nichtsein nicht verdrießen.

Aus meinem Grabe aber steigt ein Duft
Von rosenfarbenen, von erlauchten Weinen,
Chimären wandeln seufzend durch die Luft
Und tanzen mit den schlanken Geisterbeinen.

Wenn dann ein Freund der fernen Ahnung lauscht,
Stürzt aus der Tiefe strömend süßer Odem -
Da sinkt er wohl, von Wein und Tod berauscht,
Gleich einem heiligen Trunkenbold zu Boden.

Omar Chayyām (1048 - 1131), eig. Ghiyath al-Din Abu'l-Fath Umar ibn Ibrahim Al-Nisaburi al-Khayyam, persischer Mathematiker, Astronom, Astrologe, Philosoph und Dichter