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in den letzten 10 Tagen

Deine Mutter

Wenn du noch eine Mutter hast,
So danke Gott und sei zufrieden;
Nicht allen auf dem Erdenrund
Ist dieses hohe Glück beschieden.

Wenn du noch eine Mutter hast,
So sollst du sie mit Liebe pflegen,
Daß sie dereinst ihr müdes Haupt
In Frieden kann zur Ruhe legen.

Denn was du bist, bist du durch sie;
sie ist dein Sein, sie ist dein Werden,
Sie ist dein allergrößtes Gut,
Und ist dein größter Schatz auf Erden.

Des Vaters Wort ist ernst und streng,
Die gute Mutter mildert´s wieder;
Des Vaters Segen baut das Haus,
Der Fluch der Mutter reißt es nieder.

Sie hat vom ersten Tage an,
Für dich gelebt mit bangen Sorgen;
Sie brachte abends dich zur Ruh'
und weckte küssend dich am Morgen.

Und warst du krank, sie pflegte dein,
Den sie mit tiefem Schmerz geboren;
Und gaben alle dich schon auf –
Die Mutter gab dich nicht verloren.

Sie lehrte dir den frommen Spruch,
Sie lernte dir zuerst das Reden;
Sie faltete die Hände dein,
Und lehrte dich zum Vater beten.

Sie lenkte deinen Kindersinn,
Sie wachte über deine Jugend;
Der Mutter danke es allein,
Wenn du noch gehst den Pfad der Tugend.

[...]

Und hast du keine Mutter mehr,
Und kannst du sie nicht mehr beglücken,
So kannst du doch ihr frühes Grab
Mit frischen Blumenkränzen schmücken.

Ein Muttergrab, ein heilig Grab,
Für dich die ewig heil'ge Stelle;
O, wende dich an diesen Ort,
Wenn dich umtost des Lebens Welle!

Friedrich Wilhelm Kaulisch (1827 - 1881), deutscher Schriftsteller, Lyriker, Erzähler und Romanautor

Gib dem Menschen einen Hund
und seine Seele wird gesund.

Hildegard von Bingen (1098 - 1179), deutsche Mystikerin, Äbtissin und Naturwissenschaftlerin, katholische Heilige

Das Gewitter

Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
In dumpfer Stube beisammen sind;
Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt,
Großmutter spinnet, Urahne gebückt
Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl. –
Wie wehen die Lüfte so schwül!

Das Kind spricht: »Morgen ist Feiertag,
Wie will ich spielen im grünen Hag,
Wie will ich springen durch Tal und Höhn,
Wie will ich pflücken viel Blumen schön;
Dem Anger, dem bin ich hold!« –
Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

Die Mutter spricht: »Morgen ist’s Feiertag,
Da halten wir alle fröhlich Gelag,
Ich selber, ich rüste mein Feierkleid;
Das Leben, es hat auch Lust nach Leid;
Dann scheint die Sonne wie Gold!« –
Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

Großmutter spricht: »Morgen ist’s Feiertag,
Großmutter hat keinen Feiertag,
Sie kochet das Mal, sie spinnet das Kleid,
Das Leben ist Sorg und viel Arbeit;
Wohl dem, der tat, was er soll!« –
Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

Urahne spricht: »Morgen ist’s Feiertag,
Am liebsten morgen ich sterben mag;
Ich kann nicht singen und scherzen mehr,
Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer;
Was tu ich noch auf der Welt?« –
Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?

Sie hören’s nicht, sie sehen’s nicht,
Es flammet die Stube wie lauter Licht:
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
Vom Strahl miteinander getroffen sind;
Vier Leben endet ein Schlag, –
Und morgen ist’s Feiertag.

Gustav Schwab (1792 - 1850), deutscher Philosoph und Theologe

Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt.
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.
Wer hat uns also umgedreht, daß wir,
was wir auch tun, in jener Haltung sind
von einem, welcher fortgeht? Wie er auf
dem letzten Hügel, der ihm ganz sein Tal
noch einmal zeigt, sich wendet, anhält, weilt –,
so leben wir und nehmen immer Abschied.

Rainer Maria Rilke (1875 - 1926), eigentlich René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke, österreichischer Erzähler und Lyriker; gilt als einer der bedeutendsten Dichter der literarischen Moderne

Quelle: Rilke, Die Gedichte. Nach der von Ernst Zinn besorgten Edition der sämtlichen Werke, Insel Verlag 1957. Duineser Elegien, 1912/1922