Zitat zum Thema: Selbstbetrug

Wie das täuschende Mondlicht die Sterblichen neckt durch wesenlosen Schein, so necken sie sich selbst durch die Bilder ihrer Phantasie, in Liebe und Haß, in Laune und Zorn, ihr Leben verrinnt, indem sie ihrer Pflicht gedenken und dabei irren, die Wahrheit suchen und dabei träumen. Der Geist fliegt hoch und das Herz schlägt warm, aber der Kobold Phantasie wirtschaftet unablässig zwischen dem Ernst des Lebens, der Klügste täuscht sich selbst, und den Besten betrügt der Eifer.

Gustav Freytag

(1816 - 1895), deutscher Kulturgeschichtler und Schriftsteller des bürgerlichen Realismus

Quelle: Freytag, Die verlorene Handschrift. Roman in fünf Büchern, 1864