Zitat zum Thema: Grenzen

Je enger der Kreis ist, auf den sich ein Mensch mit seiner Thätigkeit angewiesen sieht, je unbedeutender die Interessen, denen er sein Leben zu widmen gezwungen wird, je dürftiger wird sein Geistesleben sich gestalten. Wenn man den menschlichen Körper in seiner Kindheit in ein bestimmtes Futteral zwängte, so würde er nur insoweit wachsen, als der Umfang des Futterals es ihm gestattet, und der Körper, der sich nicht entwickeln kann, müßte verkrüppeln. Mit der menschlichen Intelligenz verhält es sich ähnlich. Wo durch autoritative Richtung die befriedigende Ausübung der Fähigkeiten unterdrückt wird, da kann von keinem naturgemäßen Wachsthum der Individualität die Rede sein. Aber nicht nur die Abnahme intellektueller Energie und eine traurige Monotonie der Situationen und Geistesrichtungen wird das Resultat einer solchen Absperrung sein, sondern auch eine Schwächung des moralischen Charakters ist dabei fast immer unausbleiblich.

Hedwig Dohm

(1831 - 1919), deutsche Schriftstellerin und Frauenrechtlerin

Quelle: Dohm, Der Frauen Natur und Recht. Zur Frauenfrage. Zwei Abhandlungen über Eigenschaften und Stimmrecht der Frauen, 1876. Originale Rechtschreibung