Zitat zum Thema: Verdacht

Die systematische Unterscheidung zwischen "anscheinend" und "scheinbar" ist oftmals eine ärgerliche Einmischung in das Innere anderer Menschen. Man behauptet, durch die Maske des Scheins hindurchblicken zu können: Nur "scheinbar" habe jemand seinen Plan aufgegeben, in Wirklichkeit – also im Inneren – jedoch nicht. Durch das Wörtchen "scheinbar" maßt man sich gottähnliche, geheimdienstliche Fähigkeiten an: den unverstellten Röntgenblick ins Bewußtsein und Gewissen des anderen. Ein ekelhaftes Wort. Man bleibe lieber an der Oberfläche: Anscheinend ist er normal, anscheinend möchte das Land den Frieden wahren, anscheinend ist er verfassungstreu. Hände weg! Keine nicht nachprüfbaren Verdächtigungen. Für jeden Verdacht muß es einen Anschein geben.

© Rainer Kohlmayer

(*1940), Professor für Interkulturelle Germanistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Herausgeber der Zeitschrift »Die Schnake«, Autor und Übersetzer von Theaterstücken

Quelle: Kohlmayer, Die Schnake, Ausgaben 15+16