Zitat zum Thema: Tod, tot

Wie schwer fallt es doch, Platos Berichte von den Unterredungen, die Sokrates vor seinem Tode gehabt hatte, zu lesen. Seine Tage, seine Stunden sind schon gezählt, er aber redet und redet und redet…
Kriton kommt im frühesten Morgengrauen zu ihm und teilt ihm mit, die geweihten Schiffe würden wenn nicht heute, so morgen nach Athen zurückkehren: Sokrates ist sofort bereit, sich zu unterhalten, zu beweisen... Vielleicht ist es nicht nötig, Plato unbedingt Glauben zu schenken. Es wird überliefert, Sokrates habe, aus Anlaß der durch Plato vorgenommenen Niederschrift seiner Dialoge, geäußert: »Wieviel hat dieser Jüngling über mich zusammengelogen.« Aber alle Quellen stimmen darin überein, daß Sokrates den Monat nach seiner Verurteilung in ununterbrochenen Gesprächen mit seinen Schülern und Freunden zugebracht habe. Das bedeutet es also: geliebt sein und Schüler haben! Man läßt einen nicht einmal ruhig sterben... Der beste Tod ist wohl der, den man gewöhnlich als den schlechtesten zu bezeichnen pflegt: wenn niemand beim Menschen ist, fern - in der Fremde sterben, in einem Spittel - wie man sagt - wie ein Hund hinterm Zaun verrecken.
Wenigstens braucht man dann in den letzten Augenblicken des Lebens nicht zu heucheln, zu unterweisen, sondern kann still sein, sich auf das furchtbarste, vielleicht aber auch gewaltigste Ereignis vorbereiten. Auch Pascal hat, wie seine Schwester berichtet, viel von seinem Tod gesprochen, Musset aber weinte wie ein Kind. Vielleicht haben Sokrates und Pascal darum soviel gesprochen, weil sie sich fürchteten, in Schluchzen auszubrechen? Eine falsche Scham!

Leo Isaakowitsch Schestow

(1866 - 1938), eigentlich Jehuda Leib Schwarzmann, russischer, jüdischer Philosoph des Existentialismus